Der letzte Hexenprozess auf der Musicalbühne

NEUHAUSEN ⋅ Eine spannende Geschichte, eingängige Melodien – «Anna Göldi – das Musical» schafft es, das komplexe Thema des letzten Hexenprozesses Europas einem breiten Publikum zu vermitteln.
13. September 2017, 08:36

Am 13. Juni 1782 wird in Glarus die 48-jährige Dienstmagd Anna Göldi enthauptet. Ihr werden Giftmischerei und die Verhexung der Tochter ihres Arbeitgebers, des Arztes und Richters Johann Jakob Tschudi, vorgeworfen. Das Kind soll Nägel und «Gufen» gespuckt haben.

Die Glarner Justiz kommt wegen des Prozesses in argen Verruf, ist doch die Zeit des Hexenwahns in Mitteleuropa vorbei. Der Journalist Heinrich Ludewig Lehmann soll die Obrigkeit reinwaschen. Er wird nach Glarus eingeladen.

Das Musical spielt auf zwei Zeitebenen: Jener, in welcher Anna Göldi lebte, und jener, in welcher Lehmann Gespräche führt mit den Protagonisten des Prozesses. Je mehr Lehmann aber hört, desto mehr Zweifel an den «offiziellen» Darstellungen kommen ihm. Unterstützt wird er in seiner wachsenden Skepsis von Gerichtsschreiber Johann Melchior Kubli.

Immer klarer wird das Bild eines Johann Jakob Tschudi, welcher von Anna Göldi fasziniert ist, sich an sie heranmacht, und sie dann aus Angst um seinen Ruf, seinen Stand, sein Geld aus dem Weg räumen lässt – mit tatkräftiger Mithilfe eines Klüngels einflussreicher Glarner.

Basis ist ein Sachbuch

Das Buch von Mirco Vogelsang (der auch Regie führt) stützt sich auf das 2007 erschienene Sachbuch des Glarner Journalisten und Präsidenten der Anna-­Göldi-Stiftung, Walter Hauser. Es webt Gefühle und unterhaltende Elemente ein, bleibt inhaltlich aber bei den Fakten.

Hauser begrüsst denn auch die Verarbeitung des Themas in einem Musical, wie er zur Nachrichtenagentur SDA sagte. So werde einem breiten Publikum dieses wichtige Kapitel Justizgeschichte nähergebracht.

Gespielt wird in einer aus­gedienten Industriehalle in Neuhausen am Rheinfall SH. Den Darstellerinnen und Darstellern steht eine grosszügige Bühne zur Verfügung, die sie auch vollumfänglich nutzen. Gut zur Geltung kommen hier die Tänzerinnen und Tänzer als Bevölkerung oder Traumfiguren (Choreografie: Ursula Lysser).

Masha Karell und Simon Schnorr bestechen als Anna Göldi und Doktor Tschudi, Raphael Tschudi und Roland Herrmann geben überzeugend den Journalisten und den Gerichtsschreiber. Eveline Suter verkörpert bewegend-zurückhaltend die unglückliche, eifersüchtige Ehefrau Elsbeth Tschudi. Für die einzige Kinderrolle, jene der Tschudi-Tochter Miggeli, sind vier Schülerinnen aus der Region ausgewählt worden. Sie stehen in den insgesamt 47 Vorstellungen abwechselnd auf der Bühne.

Multimediale Effekte

Die Bühne hat Jana Denhoven karg gestaltet. Ein paar mobile Elemente, aus der Wand herausgeschoben und gedreht, deuten einzelne Schauplätze an. Lichteffekte und auf die Wände projizierte Videos und Fotos sowie akustische Effekte unterstützen und bereichern die Szenen.

Ganz der Zeit im ausgehenden 18. Jahrhunderts angepasst sind die Kostüme (Kai Rudat). Die Musik (Moritz Schneider, Robert D. C. Emery, musikalische Leitung Francis Goodhand) bringt Stimmungen und Gefühle wie Liebe und Hass, Angst und Eifersucht, Hoffnung und Träume gekonnt zur Geltung.

Schwachpunkt der Aufführung ist die Akustik: Die gesungenen Stücke waren an der Premiere über weite Strecken schlicht unverständlich. Dies dürfte auch das Verständnis der Geschichte beeinträchtigen, gerade für Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich in der Anna-Göldi-Thematik nicht auskennen.
 

Elisabeth Hausmann (SDA)

kultur@luzernerzeitung.ch

 

 

Hinweis

Das Musical wird noch bis zum 22. Oktober aufgeführt. Nähere Informationen und Tickets unter www. annagoeldi-musical.ch.


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