Der Mann der Widersprüche

BIOGRAFIE ⋅ Florian Burkhardt ist ausgezogen und hat die Welt als Model erobert. Bis ihn eine Angststörung zurück in die Schweiz trieb und monatelang in der Wohnung festhielt. Nun kehrt er mit seinem zweiten Buch zurück.
12. Februar 2018, 04:39

Diana Hagmann-Bula

Florian Burkhards Welt wird wieder grösser. Nach zehn Jahren Pause als Veranstalter von Electro-Music-Partys hat er in Zürich seinen neuen Song vorgestellt. Gut sei die Stimmung gewesen, voll der Saal, erzählt der 43-Jährige. Und relativiert sogleich: «Für einen Sozialphobiker mit einer generalisierten Angststörung wie mich ist ein solcher Anlass äusserst anstrengend.» Das Leben des Florian Burkhardt ist voll solcher Widersprüche.

Ein Tag sieht meist so aus: Er sitzt im Café nahe seiner Wohnung in Bern, er kauft in seinem Stammladen ein, er führt seinen Hund den gleichen Weg wie stets entlang. Das Tier ist Freund und Therapeut zugleich; er zwingt sein Herrchen auch raus, wenn dieses sich am liebsten verkriechen würde. Geht Burkhardts Radius über die üblichen Fixpunkte hinaus, braucht er einen Begleiter. Sonst packt ihn die Angst, trotz den drei Psychopharmaka, die er regelmässig einnimmt. In der Hosentasche hat er ein Notfallmedikament. «Es würde mich innerhalb von zwei Minuten beruhigen. Damit könnte ich aus ­jeder Situation flüchten.»

Wie die Meerschweinchen im Käfig

Einst konnte Burkhardt die Welt nicht gross genug sein. Als 21-Jähriger flüchtet er vor seinen Eltern. Sie hatten bei einem Autounfall ihr erstes Kind verloren. Burkhardt als Zweitgeborener wurde überbehütet. Velofahren, Kollegen treffen, Radio hören, alles verboten. «Was nicht kontrollierbar war, war untersagt», sagt er. Die einzigen Verbündeten waren seine Meerschweinchen. Auch sie sassen in einem Käfig fest. Später steckten ihn die Eltern in ein katholisches Internat. Ihr Sohn sollte Lehrer werden, so ihr Plan. Doch statt nach der Ausbildung vor eine Klasse zu stehen, setzte er sich ins Flugzeug. Destination: Hollywood. Berufswunsch: Schauspieler. «Ich hatte die Unterdrückung als Kind überlebt. Ich feierte mich selbst. Ich war auf dem Weg nach Hause. An einen Ort, an dem ich noch nie war», beschreibt er im soeben erschienenen Buch «Das Gewicht der Freiheit» das Gefühl, das ihn über den Wolken erfasst.

Mit 400 Franken nur wandert Burkhardt aus. Dafür mit grossem Ego. «Ich bin ein Star, nur versteht das noch nicht jeder», ist zu lesen. 21 Jahre lang hatte er in seinem Zimmer ein Leben fern von der Realität ausfantasiert. «Nun musste ich mein Drehbuch nur noch umsetzen», sagt Burkhardt im Gespräch. Doch: Schauspiel-Coaching? Unter seiner Würde. Ein Manager, der ihn kontrolliert? Schon wieder Fremdbestimmung. Hollywood erscheint ihm plötzlich nicht mehr erstrebenswert.

So lässt er sich als Model entdecken. Mailand, Paris, New York, Tokio, Burkhardt kommt mit seinem zornigen Blick überall an, wird für alle grossen Shows gebucht. Er hebt ab – bis es nicht mehr höher geht. Posen und Laufstege langweilen ihn, er fühlt sich gefangen im Erfolg. «Da war nichts Kreatives mehr, das mich herausforderte. Stattdessen vereinsamte ich in Hotels und Flugzeugen.» Er sei «an der Sonne verbrannt». Die Freiheit sei ihm zu viel, die Welt zu gross geworden. Wieder flüchtet er, diesmal vor der Hektik der Modemetropolen, vor hartnäckigen Bookern, aufdringlichen Fotografen. Direkt in die Arme des Bauernjungen Jonas. Bei ihm auf dem Hof kann er wieder atmen. «In der Kindheit hatte ich Liebe negativ erlebt. Nun erlöste sie mich.»

Doch mit der Liebe geht es nicht lange gut. Burkhardt will ankommen, Jonas aufbrechen, Pilot werden, nicht monogam leben. Burkhardt erfindet sich zum x-ten Mal neu. Als Grafik-Designer entdeckt er das Internet für sich, wirbelt mit Videoproduktionen die Werbebranche auf. Er opfert sich für den Beruf auf, bis ihn immer häufiger Übelkeit plagt, die in Panik endet. Wochenlang hält sie ihn in der Wohnung fest. Eines Tages kann er nicht mehr – und ruft seine Mutter an, von der er sich seit Jahren distanziert ­hatte. «Ein Urimpuls, den selbst grosse Kinder erfasst, wenn es ihnen wirklich schlecht geht.» Ein Krankenwagen bringt das Ex-Model in die psychiatrische Klinik.

Ins Irrenhaus, sagt Burkhardt. Dort meinen Psychiater, dass seine Probleme aus der Kindheit herrühren, diagnostizieren eine Angststörung und Sozialphobie. Er muss lernen, Geräusche wieder zu ertragen, Menschen auszuhalten. Schritt für Schritt wagt er sich raus, aus dem Zimmer, aus der Klinik, in die öffentlichen Verkehrsmittel. «Eine Wiedergeburt war das», sagt Burkhardt. Und: «Ich habe viel erlebt. Aber im Irrenhaus habe ich am meisten über mich erfahren.»

«Wir hätten sonst weiter nebeneinander hergelebt»

«Ich bin eine Maschine», singt Burkhardt in seinem neuen Song. Eine Anlehnung an die Musik der 80er-Jahre sei das, aber auch eine Gesellschaftskritik. «Leistung ist heute wichtiger denn je. Gerade Menschen mit psychischen Problemen kann das bedrängen.» Nicht nur mit einem Song kehrt Burkhardt in die Öffentlichkeit zurück. Er arbeitet wieder als ­Model, ausschliesslich in der Schweiz allerdings. Und obwohl 2015 bereits der Dokumentar-Film «Electroboy» sein Leben aufgezeigt hat, hat er soeben sein zweites Biografie-Buch veröffentlicht. Andere verarbeiten im Stillen, der Sozialphobiker in der Öffentlichkeit. Warum? «Ich finde viel Kreativität in meinem Leben. Sie macht mich glücklich. Das Schreiben gehört dazu», sagt Burkhardt, gesteht dann aber doch noch «einen gewissen Anteil Narzissmus» ein.

Auch um diesen ausleben zu können, hat er eine Methode entwickelt, die ihn davor schützt, dass ihm alles zu nahe kommt: «Bei öffentlichen Auftritten spalte ich mich ab. Und bin dann einfach ein Protagonist, der seine Geschichte erzählt.» Nicht nur sein Leben, auch das seiner Familie hat Burkhardt so ans Licht gezerrt. Anfänglich führte das zu Streitigkeiten. «Meine Krankheit hat einen Sinn: Wir hätten sonst weiter lose nebeneinander hergelebt und uns nicht mit der Vergangenheit auseinandergesetzt», rechtfertigt er sich. Heute besucht Burkhardt seine Eltern wieder monatlich im Luzernischen. «Ich liebe sie, aber meine Freunde sind sie nach wie vor nicht.»

Florian Burkhardt: Das Gewicht der Freiheit. Wörterseh, S. 192, Fr. 36.–

Anzeige: