Arundhati Roy – Der Sari der Wütenden

WELTLITERATUR ⋅ 20 Jahre und viele Sachbücher nach ihrem Erfolgsroman «Der Gott der kleinen Dinge» legt die Inderin Arundhati Roy endlich ihren zweiten Roman vor: «Das Ministerium des äussersten Glücks».
10. August 2017, 07:45

Valeria Heintges

Arundhati Roys Roman «Das Ministerium des äussersten Glücks» beginnt auf einem Friedhof und endet 543 Textseiten später auf einem Friedhof. Dazwischen ist das Leben bitter, ironisch, sogar sarkastisch; es fliesst viel Blut, es wird viel gestorben, viel gequält, oft gefoltert. Es ist laut und bunt und düster. Man spürt: Diese Autorin ist wütend. «Ich lasse mich nicht zähmen», sagt sie der «Süddeutschen Zeitung». Und tatsächlich: Gezähmt ist hier nichts und niemand.

Arundhati Roy, 55, hat sich mit ihrem Début «Der Gott der kleinen Dinge» 1997 in die Weltliteratur geschrieben. Das Werk über eine Liebe, die am indischen Kastenwesen zerbricht, gewinnt den internationalen Man Booker Preis, wird in 42 Sprachen übersetzt und verkauft sich acht Millionen Mal. Doch dann kam 20 Jahre lang kein belletristisches Werk mehr; dafür Essays über Essays, zusammengefasst in zahlreichen Sammelbänden, nur zum Teil ins Deutsche übersetzt. Die Inderin kämpft darin gegen den «normalen Krieg – den Krieg der Reichen gegen die Armen», wie sie im neuen Buch schreibt. Konkret: Gegen Staudammprojekte, Indiens atomare Aufrüstung, den Irakkrieg, gegen Kapitalismus und Globalisierung, unfaire Prozesse und immer wieder gegen das Kastenwesen.

In der Heimat geliebt und gehasst

In ihrer Heimat ist sie vielgeliebt und vielgehasst; mehrfach wurde sie angeklagt; im neuen Werk dankt sie ihren Anwälten, «die mich vor dem Gefängnis bewahrten. (Bislang)». Arundhati Roy hat ihre Preisgelder gespendet und ihre nationalen Preise zurückgegeben, aus Protest gegen die wachsenden hindunationalistischen Strömungen in Indien, wo Ende Juli ein Präsident aus der Kaste der «Unberührbaren» gewählt wurde, der wiederholt gesagt hat, Moslems und Christen gehörten nicht zu Indien. Die «Times» wählte sie 2014 zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt.

Auch ihm wirft Arundhati Roy jetzt ihren neuen Roman an den Kopf, in dem sich jedes ihrer Essay-Themen wiederfindet. Sie verwebt darin zwei Erzählstränge so, dass sie sich Indien in seiner ganzen Problemlage widmen kann: Der eine nähert sich der indischen Gesellschaft von innen her, der andere von aussen. Da ist zunächst Anjum. Sie wird geboren als Aftab, ist eine Hijra, eine in einem männlichen Körper gefangene Frau. In der Khwabgah, mitten unter anderen Transgendermenschen, findet Aftab ein Zuhause und lässt sich zu Anjum operieren. «Weisst du, warum Gott Hijras erschaffen hat?» wird er eines Tages gefragt. Die Antwort heisst in Anette Grubes flüssiger Übersetzung: «Es war ein Experiment. Er beschloss, etwas zu erschaffen, ein Lebewesen, das erwiesenermassen unfähig ist, glücklich zu sein.»

Bunter und schillernder Erzählstil

Arundhati Roy folgt Anjum durch das Leben einer Prostituierten, einer Unglücklichen, aber Selbstbewussten. Sie liebt die Menschen, aber auch sie gerät in die Mühlen der Politik, kehrt traumatisiert von einem Ausflug zurück. Und baut sich auf dem Friedhof, auf den Gräbern, ihr neues Haus. Bunt und schillernd wie ein Sari ist da Arundhati Roys Erzählstil: Um Anjum, die Kwabgah, den Friedhof herum ein Gewirr aus Mustern, Zeichen, Symbolen. Jeder Mensch, der Anjum über den Weg läuft, bekommt sein eigenes eingesticktes Detail. Ein Mann, der ein Schild bewacht, neben dem die Freunde demonstrieren, ist geflohen vor den Überflutungen des Staudammprojekts (für das Roy ihr Booker-Preisgeld spendete). Ein Freund, der sich als Moslem ausgibt, ist in Wirklichkeit Sohn eines Hindu; der Vater wird gelyncht, weil er an einem hohen Feiertag den Leichnam einer Kuh transportiert hat. Doch ist ihm – als Angehöriger der Gerberkaste – gar kein anderer Broterwerb erlaubt.

Die Essayistin hinter der Belletristin

Mit der Hijra Anjum kann Roy von den Ausgestossenen, den Getretenen, den Ungebildeten erzählen, von ihrem Kampf ums Überleben in einer Gesellschaft, die ihr Schicksal ausblendet, um sich die Feierlaune nicht verderben zu lassen. Mit Tilo, eigentlich S. Tilottama Ipe, die aufs College geht, Architektur studiert und in den Kaschmirkonflikt verwickelt ist, kann sie ihre Perspektive weiten. Vier Freunde aus Studienzeiten gehen später höchst unterschiedliche Wege und begegnen sich doch wieder: Einer hilft Tilo, einer heiratet sie – und der dritte bleibt lange der grosse Unbekannte.

Dieses Aufeinandertreffen beleuchtet Arundhati Roy immer wieder neu, geht – wie mit einem gespenstischen, düsteren Tanzschritt – mal nach links, mal nach rechts, mal voraus in die Zukunft, mal zurück in die Vergangenheit. Der Leser folgt meist willig und erstaunt. Zunehmend auch unwillig wegen der vielen Seitenstränge und der ständig wechselnden Erzählerperspektiven, von denen einige bis zum Schluss unklar bleiben.

Ganz kann auch Roy die Essayistin nicht von der Belletristin trennen, verheddert sich zuweilen in moralischen Ergüssen oder schafft ein wenig papierene Figuren. Ein Buch, das verwirren will und verwirrt. Aufrütteln will und aufrüttelt. Und das den Blick richtet in eine weitere Ecke der Welt, die allzu nahe über dem Abgrund taumelt. Allein das wäre die Lektüre wert.

Arundhati Roy: Das Ministerium des äussersten Glücks. S. Fischer Verlag, 550 S. 11.9.: Lesung im Kosmos, Zürich


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