Der Sturm zwang die Gipfelwerke in die Stadt

KONZERTE ⋅ Das letzte Konzertwochenende des Festivals «Gipfelwerke auf dem Pilatus» wurde vom Winde verweht. Und ein interpretatorischer Sturm zerzauste Schuberts Streichquartett. Hier bot eine Weltklasseformation auch Angriffsfläche.
13. November 2017, 07:53

Schon die Vortage schienen der stürmischen Welt Franz Schuberts gewidmet. Viel Schnee war angesagt, heftige Winde gar. Genug jedenfalls, dass die Pilatusbahnen nicht fahren konnten. Dabei waren die beiden Hotels wegen der Konzerte ausgebucht. Doch anstatt in luftigen Höhen fanden die zwei letzten Ereignisse des Kammermusikfestivals «Gipfelwerke» in Luzern statt, im Gesellschaftshaus der Herren zu Schützen am Samstag und im Marianischen Saal gestern.

Der Qualität tat dies keinen Abbruch. Mit dem Hagen-Quartett hat das organisierende Luzerner Sinfonieorchester den klangvollsten Namen für den Schluss aufgespart. Die österreichische Formation zählt zu den bekanntesten Kleinensembles der Welt. Und auch die gespielten drei letzten Streichquartette von Schubert gehören zum Wichtigsten, was diese Zeit des Aufbruchs, kurz vor 1830, zu bieten hat.

Kanten der Extreme

Vor allem seine letzte Komposition für vier Streicher, seine Nr. 15 in G-Dur, ist ein wahres Gipfelwerk. Sie gilt als eines der schwierigsten Stücke der Kammermusik. Dies nicht nur technisch. Wenig Melodie, schroffe Wechsel, das schnelle Nebeneinander von singenden Passagen und zornigem Tosen machen das Stück anspruchsvoll zum Spielen – und zum Hören.

Gestern Morgen versucht das Hagen-Quartett der enormen Komplexität gerecht zu werden. Technisch musiziert es auf höchstem Niveau. Die Einsätze sind präzise, die Steigerungen organisch, die Artikulation ausbalanciert. Der volle, satte Klang, eines ihrer Markenzeichen, bringt die ganze Wucht der Tutti-Stellen zur Geltung. Die vielen Tremoli, die Doppelgriffe tragen das Ihre dazu bei. Stellenweise wähnt man sich einem Sinfonieorchester gegenüber.

Ganz im Gegensatz dazu stehen die Zwischenspiele. Lieblich erklingen die Tänzchen des Cellos und der Viola im ersten Satze, scheu schaukelnden Ländlern gleich. Fast kitschig leicht werden sie dem Tosen entgegengesetzt. Denn diese heile Welt kontrastieren die Musiker hart. Immer wieder, in kurzen Abständen, bricht der wütende Furor hinein, vernichtet die trügerische Alpenwelt, rückt so den kantigen Aspekt dieser Musik in den Fokus.

Etwas schnelle Wechsel zwischen laut und leise

Doch fehlt der Interpretation etwas der lange Atem, die dem Werke durchaus gegebene Weite. Natürlich, die Komposition fand zur Zeit Schuberts keinen Verleger, wurde erst nach seinem Tode vollständig aufgeführt und ist auch heute noch ein sperriges Werk. Das Hagen-Quartett wechselt jedoch abrupt und (zu) schnell zwischen den Extremen «Pianissimo» und «Forte». Der Mittelbau ist wenig ausgeprägt.

Diese konstante Betonung der Kontraste, diese häufigen, kurzen Gipfel ermüden, rauben dem Stück einen Teil seiner Tiefe. War es am Wochenende davor eher «Sturm und Drang», die das Geschehen, die Kompositionen Schuberts dominierten, so ist es diesmal der musizierende Intellekt, dem sich das Stück unterwirft. Aus dem Glück, das «nichts bietet als höchstens Schmerz» (Schubert), wird so eher Zorn und Bitterkeit.

Deutlich spannender ist die Interpretation der «5 Sätze für Streichquartett, op. 5» von Anton Webern, die das Konzert eröffnen. Thematisch leuchtet der Zusammenhang mit Schubert wenig ein. Dort der ausschweifende, symphonisch orientierte Brocken, hier die für Webern charakteristische Kürze. Der dritte Satz etwa dauert nur 40 Sekunden. Doch im Sinne eines Kontrastes, als Fingerzeig, wohin die musikalische Üppigkeit des 19. Jahrhunderts letztlich führte, ist diese Gegenüberstellung durchaus passend.

Das Hagen-Quartett spielt das Kleinod mit einer kühlen Nüchternheit. Der spärliche Einsatz von Vibrato, der reduzierte Klang, ein ätherischer Glanz geben dem Werk eine Tiefe, eine Innigkeit, die dem Schuberts gefehlt hat. Das exzellente Zusammenspiel der vier Musiker ent­- schlüsselt die eng gewobenen Gedanken der Komposition. Nur kurz lassen sie expressive Sprünge aufblitzen, verharren fast vollständig im Pianissimo. Aus und trotz der Dichte entwickeln sich eine offene Musik, eine weit tragende Fantasie und Inspiration.

Mit diesem letzten Konzert kam das kleine, aber tolle Festival «Gipfelwerke auf dem Pilatus» des Luzerner Sinfonieorchesters zum Abschluss. Wer diesen Zauber, diese Vermischung steiniger und musikalischer Energie auf dem Luzerner Hausberg ebenfalls erleben möchte, findet im Mai eine weitere Gelegenheit. Denn das vierte Wochenende, dann hoffentlich tatsächlich wieder auf dem Pilatus, findet am 26. und 27. Mai 2018 statt. Es wird eine Hommage an Géza Anda sein.

 

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch


Hinweis

Infos zu den nächsten Konzerten: www.sinfonieorchester.ch


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