Der Wanderberg als Einstiegsformat für Kammermusik

RIGI-MUSIKTAGE ⋅ Das Kammermusikfestival verzeichnete in vier Konzerten eine Auslastung von 80 Prozent und zeigte im Schlusskonzert die Vorzüge des Musizierens in kleinen Räumen hoch oben auf dem Wanderberg.
17. Juli 2017, 07:45

Je naturnaher die Orte sind, an denen sich Kammermusikfestivals fern urbaner Zentren einnisten, desto stärker teilen sie die Vorzüge und die Risiken von Open-Air-Veranstaltungen. Das aktuelle – und erfolgreiche – Beispiel dafür waren die Rigi-Musiktage, die am Sonntag mit einem Konzert in der reformierten Bergkirche Rigi Kaltbad abgeschlossen wurden.

Da nämlich sind die Fahrt hin­auf auf den Berg und vorgängige Wanderungen integrierter Bestandteil des Konzerterlebnisses. Das mag bei schlechtem Wetter viele abschrecken. Aber am Sonntag traf man in der Zahnradbahn andere Konzertbesucher schon Stunden vor dem eigent­lichen Konzert, das am Nachmittag um 16 Uhr begann. Und diese Verbindung von Musik- und Naturerlebnis beeinflusst die Zusammensetzung des Publikums. Die Stimmung ist wegen der wandertauglichen Tenüs locker. Und einige der angereisten Klassikliebhaber hören hier gar zum ersten Mal ein Kammermusikkonzert, wie eine kleine Umfrage unter den Besuchern zeigte.

Grosser Resonanzraum in der kleinen Bergkirche

Die Naturnähe macht damit die Musiktage auf dem Wanderberg zu einem idealen Einsteigerformat für Kammermusik. Dazu passte im Schlusskonzert erstens ein Programm, das mit Evergreens von Puccini und Tschaikowsky aufwartete und zu dem Rossini mit einem Duo für Cello und Kontrabass einen Schuss Humor und Spektakel beisteuerte. Wohl noch entscheidender war die Tatsache, dass die von der künstlerischen Leiterin Diemut Poppen versammelten Musiker mit einer Kompetenz und Leidenschaft musizierten, die selbst ein langes Einspielstück (Boccherinis Geigenduo «La bonna notte») jeder Schläfrigkeit entrissen.

In dieser Kleinbesetzung wurde der dritte Charakterzug der Musiktage zum Vorzug, nämlich die kleinen Räume. In der Bergkirche konnte sich der Klang zwar kaum entfalten, aber wegen der Nähe zu den Musikern hat er doch eine körperliche Präsenz und Intensität, wie sie in grösseren Sälen nicht zu haben ist.

So hörte man gleich zu Beginn mit aller Detailschärfe, wie die Geigerinnen Maria-Elisabeth Lott und Natalia Prischepenko in Boccherinis Galanterien dahinschmolzen und sich gegenseitig bestichelten. Der Cellist Sebastian Klinger und der Kontrabassist Bozo Paradzik steigerten den Wettbewerb der Bassinstrumente zum rumorenden instrumentalen Theater. Und in Puccinis «Crisantemi» schuf das Streichquartett (mit David Abrahamyan, Viola) einen Resonanzraum, in dem die lyrischen Linien und Farben betörend verschmolzen.

Schwierige Finanzierung trotz hoher Auslastung

Nach der Pause ereignete sich im Konzert selbst eine Art Naturereignis, als all das in Tschaikowskys «Souvenir de florence» zusammenkam. Da steigerte sich der vom Kontrabass in die Tiefe erweiterte Sextettklang zu einer Dringlichkeit, die im Aufbäumen der Geigen nicht ohne Schärfen war, aber durch den Aufprall der Klänge überwältigte. Ein Hauch von «Crisantemi» legte sich über den zweiten Satz, in dem das Ensemble ganz unforciert zu orchestraler Duftigkeit und Weite fand. Und die geradezu rasselnd ausgereizte Dramatik, aus der Poppens Bratschenton immer wie- der als ruhender Pol herausragte, bescherte den Musiktagen ein atemberaubendes Finale.

Dass diese trotz einer Auslastung von 80 Prozent vermehrt auf Unterstützungsbeiträge von Stiftungen und Förderern angewiesen sind, zeigt den entscheidenden Unterschied zu wirklichen Open Airs, die sich stärker über Ticketeinnahmen finanzieren können. Der Vorzug der in­timen Räume hat eben selbst in der Weite der Rigi ihren Preis.

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch


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