Detailversessener Perfektionist, der auch Dinge weglässt

KUNST ⋅ Zu seinem zehnten Todesjahr widmet die Kornschütte Luzern Hans Bucher eine Retrospektive. Sie ist die bisher umfassendste Ausstellung seines Werkes. In vielen Bildern ist nicht nur wichtig, was zu sehen ist. Sondern auch, was fehlt.
12. September 2017, 07:34

Mit den Schlagworten zeichnerische Genauigkeit und handwerkliche Präzision sind zwei Qualitäten genannt, in denen sich die Handschrift von Hans Bucher (1931–2007) als Maler manifestiert. Mit minutiöser Finesse bemalte der in Kerkrade (NL) geborene und in Luzern lebende Künstler über eine Zeitspanne von mehr als fünfzig Jahren Leinwände mit Ölfarben.

Zurück bleibt ein reicher Fundus an zumeist ocker- und blautonigen Bildern, denen diese formale Feinheit eingeprägt ist; sei es in der Serie der Räume, Schläuche und Röhren, der Serie mit den abstrakten Wolkengebilden, den Zündholzschachtelbildern oder in der Werkgruppe der Puppenkörper. Über diese Präzision hinaus weisen die Gemälde aber noch eine weitere Gemeinsamkeit auf: Sie alle vermitteln ein latentes Gefühl von Abwesenheit.

Entsprechend sind die mit Röhren und Pendelleuchten ausgestatteten Räume unbewohnt. Ebenso unbewohnt wie die mit Drähten verbundenen Glieder der Puppen, die schlaff herunterhängen, oder die mit rotem Wachs getränkten Streichhölzer, die unbenutzt und verstreut auf einer Tischfläche liegen. Hat jemand vergessen, diese wieder in der Schachtel zu versorgen? Und was hat überhaupt dazu Anlass gegeben, diese herauszunehmen?

Der abwesende Puppenbauer

Vor den zumeist monochromen oder karierten Hintergründen verweisen die auf Buchers Bildern gemalten Streichhölzer und Puppen, Flure und Hallen weniger auf sich selber als vielmehr auf das, woran es ihnen der Künstler hat absichtlich fehlen lassen: an einem Puppenbauer, der die Glieder zusammengedrahtet, oder einem Architekten, der die verlassenen Räume irgendwo im Nirgendwo entworfen hat.

Umso mehr fordern die Bilder, für die der Künstler in stilistischer Hinsicht stets auf eine realistische Formsprache zurückgegriffen hat, die Neugierde und Fantasie ihres Betrachters heraus: Wer könnte den Schaltknopf für die brennenden Pendelleuchten an den Decken der Räume betätigt und wer mit den Zündhölzern auf dem Tisch gespielt haben? Sind Buchers gepinselte Welten ironische Metaphern für die Frage nach dem Sinn? Oder geben sie dem Betrachter ein Rätsel auf, nach deren Antwort er in den Bildern selber zu suchen hat?

Indem Buchers gemalte Realitäten Fragen aufwerfen, konfrontieren sie ihren Betrachter bei jedem Blick aufs Neue, stacheln ihn schweigend zum Fabulieren an. So gesehen sind die Bilder Spielwiesen, die sich der Fantasie aller darbieten, die bereit sind, am Spiel teilzunehmen.

Im gleichen Masse, wie die Malereien des Künstlers von Abwesenheit sprechen und zum Fantasieren auffordern, handeln sie auch vom lustvollen Umgang des Künstlers, unzählige Variationen des gleichen Sujets immer wieder durchzudeklinieren. So münden in der Werkgruppe der Räume die Röhren in den Hallen mal in die Wand, dann wieder führen sie förmlich ins Blaue.

Denn Hans Bucher war zeitlebens auch das: ein Meister der Serie, der mit dem Medium der Malerei unermüdlich nach neuen Modi des Arrangierens und Derangierens vertrauter Gegenstände suchte. Jedoch ohne dabei zu vergessen, hin und wieder mit den Augen eines Schelms aus seinen Bildern hinauszuzwinkern.

 

Tiziana Bonetti

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Die Ausstellung zu Hans Bucher in der Kornschütte Luzern läuft noch bis Sonntag.


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