Die Erwartungen unterlaufen

KONZERTE ⋅ 6ix ist ein hochkarätig besetztes Sextett, das an zwei Abenden im Neubad in zwei verschiedenen Konstellationen spielt. Mitbegründer ist der Luzerner Saxofonist Urs Leimgruber.
12. Januar 2018, 07:48

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Seit gut zehn Jahren treten 6ix an ausgewählten Spielorten auf. Der Klangkörper besteht aus Piano, Saxofon, Cello, Stimme, Analog-Synthesizer und Schlagzeug. Die Gruppe wurde 2007 vom Genfer Pianisten Jacques Demierre und vom Luzerner Saxofonisten Urs Leimgruber für einen Auftritt am Archipel Festival Genf ins Leben gerufen. «Damals planten wir ein viel grösseres Ensemble. Als es nicht zustande kam, entschieden wir uns für das Sextett», sagt Leimgruber.

Zum harten Kern gehören Thomas Lehn und Dorothea Schürch. Etabliert hat sich auch der englische Schlagzeuger Roger Turner, ein Meister des vulkanischen Filigranspiels. Es sind alles Musiker und Musikerinnen, die zu den führenden Protagonisten der frei improvisierenden Szene Europas zählen.

Das Casting ist am wichtigsten

Anstelle der Cellistin Okkyung Lee spielt neu die englische Cellistin Hannah Marshall. Marshall war bereits vor zwei Jahren im Neubad zu hören, als sie den Kontrabassisten Barre Phillips im Trio mit Demierre und Leimgruber ersetzte. Die Impro-Musikerin bringt auch Erfahrung im experimentellen Umfeld von Tanz und Theater mit. Leimgruber ist überzeugt, dass es mit der neuen Cellistin auch in 6ix funktioniert. «Wir schauen genau hin, wen wir als Musiker oder Musikerin wollen. Dafür haben wir genug Erfahrung. Das Casting ist am wichtigsten.»

6ix spielen eine offene, zeitgenössische Musik, basierend auf Improvisation. Jeder Moment ist gleich wichtig. In dieser Präsenz treffen die Musiker jederzeit ihre Entscheidungen. So erwecken sie die Musik zum Leben, geben ihr Klang, Form, Dynamik und Flow. «Es ist eine andere Art des Komponierens», sagt Leimgruber. Unterschiedliche Backgrounds, neue Spieltechniken, differenzierte Klangerzeugungen und ganz viel akustische Sensibilität kommen zusammen.

Nicht zuletzt versteht es die Gruppe, die akustischen Gegebenheiten von unterschiedlichsten Räumen als «standortspezifische Partitur» in ihre Musik zu integrieren. Das Neubad sei ein solcher Raum, der mit seinem leichten Hall für das Ensemble «sehr spannend ist», sagt Urs Leimgruber. «Die spezifische Architektur wirkt auch auf die Instrumentalisten und beeinflusst die Musik.»

Leidenschaft, Herz und Provokation

Die Musik von 6ix unterläuft Erwartungen, sucht das Nicht-Wiederholbare, auch das Überraschende und Widerständige. Sie gleicht einem Entdeckungstrip. Leimgruber: «Während wir spielen, sind wir offen für das Unbekannte.» Nach einem Konzert sollen nicht nur die Performer, sondern auch die Zuhörenden an einem anderen Ort sein, eine Transformation erlebt haben. «Damit die Musik das Publikum erreicht, müssen darin Leidenschaft, Freude, Herz, Absicht und Provokation spürbar werden.»

Es hat etwas Paradoxes mit der viel zitierten «Freiheit» in der improvisierten Musik. Frei zu spielen heisst nicht, dass kunterbunt drauflosgespielt wird. Entscheidend für Leimgruber ist die Freiheit zu entscheiden, mit wem man spielt, wann man spielt, was man spielt. «Aber sobald es losgeht, ist man alles andere als frei. Denn mit dem Sprung in den freien Raum kann jederzeit alles passieren. Dort ist man unter Umständen viel gefangener als in einem komponierten Stück, wo ich im Voraus weiss, was auf mich zukommt.»

6ix haben schon bald nach ihrer Gründung in Europa, USA und Kanada zahlreiche Konzerte gegeben und sind an internationalen Festivals aufgetreten. 2009 waren sie an den Donaueschinger Musiktagen mit «6ix + 1» eingeladen, einer Erweiterung mit Thierry Simonot und Rudy Decelière vom Genfer Klanglabor AMEG. Die beiden ergänzen das musikalische Feld des improvisierenden Ensembles elektronisch und projizieren es auf ein «Orchester» von Lautsprechern. Ein exklusives Klangereignis, das zu gegebener Zeit – an einem öffentlich exponierten Ort – auch in Luzern stattfinden soll.

Hinweis

17./18. Januar 2018, 20 Uhr, Neubad. Am ersten Abend spielen 6ix in zwei Trios, am zweiten Abend dann in normaler Formation.


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