Die Flucht nach vorne

ALBUM ⋅ Der Zürcher Mundartsänger Stereo Luchs hat sich weit aus der Nische des Dancehall herausgewagt, philosophiert dabei übers Älterwerden und reüssiert damit.
13. November 2017, 07:55

Für einen Moment stockt das ­Gespräch. Dabei war die Frage doch einfach: «Wie nennt man die Musik, die Sie nun machen?», will der Journalist von seinem Gegenüber, dem Sänger und Rapper Silvio Brunner alias Stereo Luchs wissen. Doch der 36-jährige Zürcher tut sich schwer mit der Antwort: «Moderne urbane Musik?»

Wem das zu wenig spezifisch ist, muss auf eine Aufzählung ­zurückgreifen. Auf «Lince», dem gestern erschienenen Zweitling von Stereo Luchs, treffen sich R&B, Hip-Hop, Cloudrap, Dancehall, Trap und Pop auf zeitgeistige Art und Weise. Einige der Stücke, allesamt mit Autotune-Effekt eingesungen, sind so gut, dass man wie elektrisiert ist. Es sind Mundarthymnen, die von einem Beziehungsdilemma («Sie seit»), von zerbrochenen Freundschaften («Frenemy») oder schlicht vom Auskosten des ­Moments handeln («Ufe»).

Mit der Musik älter werden

«Lince» klingt nach Kingston, London, New York, Atlanta, ­Zürich und anderen Städten. Für die Entstehung des Albums waren allerdings drei andere Orte wichtig: die Hardau-Hochhäuser in Zürich, eine Berghütte im ­Calancatal und eine WG in Berlin-Kreuzberg. «Das Album ist zu grossen Teilen bei mir zu Hause entstanden. In meiner Wohnung im 26. Stock. Ein Laptop, zwei Studiolautsprecher, ein Mikrofon, ein Midi-Keyboard, viel Zuversicht – that’s it», sagt Brunner. Mit diesem Setup bastelte er die vergangenen drei Jahre an einem neuen Soundbild. Denn Dancehall, so wie er ihn auf seinem Erstling «Stepp usem Reservat» von 2012 gemacht hat, erschien ihm nicht mehr adäquat. «Ich hätte nicht gewusst, wie ich mich im Dancehall weiterentwickeln soll», sagt Brunner.

Dancehall ist der kleine, hitzige Bruder von Reggae. Es ist Musik, die für Partys produziert wird. Es geht nicht darum, die Welt zu erklären, sondern die Aufmerksamkeit der Tänzer zu wecken. Wenn man diese Musik auf die Schweiz übertragen will, stösst man schnell an Grenzen. Wer treibt sich hierzulande schon Abend für Abend an Dancehall-Partys herum? «Lince» ist deshalb auch ein Album darüber, wie man mit der Musik älter wird. Indem man sich neu erfindet und sich trotzdem treu bleibt. Ein Beispiel dafür, wie das gelingt, ist der letzte Song des Albums: «Ziit­reis». Ein Stück übers Älterwerden. Aber eben nicht nur mit Nostalgieblick, sondern mit der Botschaft: Alles ist gut so, wie es ist. «Vor knapp drei Jahren haben wir unsere WG aufgelöst, alle sind mit ihren Freundinnen zusammengezogen, viele haben Kinder gemacht und finden jetzt kaum noch Zeit für die Musik. Ausser ich.» Der Song ist im Calancatal entstanden, im Ferienhaus seiner Eltern, völlig ab vom Schuss. «Ich war über Silvester dort, habe kurz mit der Familie angestossen und ging dann in mein Zimmer. Um halb eins stand die Skizze.» Mit den Demos reiste er zum erfolgreichen Produzentenduo KitschKrieg nach Berlin. Dort wurden die Tracks entrümpelt, besser abgemischt, auf den Punkt gebracht.

Die Öffentlichkeit ist nicht sein Ding

Mit diesem Album will es Brunner wissen. Er hat seine Stelle als Architekt gekündigt. Für «Lince» unterschrieb er beim Majorlabel Universal. Und doch merkt man ihm an, dass alles, was mit Öffentlichkeit zu tun hat, nicht in seinem Komfortbereich liegt. Trotzdem wählte er die Flucht nach vorne: «Ich sehe mich nicht mit 42 auf der Kulturbühne Öpfelchäller stehen.» Dieses Album hätte musikalisch alle Qualitäten dazu, ihm das zu ersparen.

 

Adrian Schräder

Stereo Luchs: Lince, Island Records/Universal, im Handel erhältlich. Plattentaufe: 1. Dezember im Club Exil in Zürich.


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