«Die Karajanzeit ist vorbei»

ORCHESTER ⋅ Die Festival Strings Lucerne starten mit Schlagzeugstar Martin Grubinger in die Saison. Geschäftsführer Hans-Christoph Mauruschat sagt, wie das zum alten Ruf und zum neuen Image des Orchesters passt.
09. November 2017, 08:21

Interview: Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Hans-Christoph Mauruschat, die Strings eröffnen die Saison mit Martin Grubinger, der als Schlagzeuger und TV-Moderator ein neues Klassik-Image verkörpert. Streben Sie damit auch für das Orchester ein neues Image an?

Sagen wir es so: Wir arbeiten am Bild, das wir in Luzern haben. Unser Stammpublikum ist eher konservativ. Wir müssen aus diesem Korsett ausbrechen. Eigentlich passt Martin Grubinger perfekt zu unserem Profil. Er gehört zu dieser Gruppe junger Starsolisten, die keine Berührungsängste haben. Dies ist auch in unserem Orchester der Fall, wo vor allem junge Musiker spielen. Diese Offenheit muss die klassische Musik noch mehr vermarkten. Die Ka­rajanzeit mit den abgehobenen Meistern ist definitiv vorbei.

Wie wird das Orchester denn ausserhalb Luzerns wahrgenommen?

Die meisten unserer Konzerte finden ja im Ausland statt. In den Zeiten, wo es schlechter lief, waren wir auch weniger im Ausland. In Deutschland zum Beispiel war es viel einfacher, an die grossen Zeiten anzuknüpfen, die vom Geiger Wolfgang Schneiderhan und vom jungen Rudolf Baumgartner geprägt waren. Wir spielten ein bis zwei Konzerte mit sehr guten Kritiken, und die Leute hatten die Festival Strings von früher wieder in Erinnerung. Dort hat es Leute, die sind mit unseren Aufnahmen gross geworden.

Und das hält bis heute an?

Ja, wir sind das erste Schweizer Orchester, das in der Elbphilharmonie auftrat und das einzige ausländische Orchester, das dort in der ersten Saison zu zwei Produktionen eingeladen wurde. Diese unterschiedliche Wahrnehmung unseres Orchesters im Ausland und in der Schweiz zeigt auch eine Studie der Universität Basel. Für Schweizer Besucher waren die Festival Strings lange Zeit, zugespitzt formuliert, ein Orchester von älteren Herren mit antiquierter Musizierweise.

Dabei wurde das Orchester in den letzten Jahren vollständig umgebaut.

Seit 2012 Daniel Dodds musikalischer Leiter wurde, blieb tatsächlich fast kein Stein auf dem anderen. Wir haben uns weiter verjüngt und hatten immer Spitzensolisten. Vor allem haben wir uns entschieden, zurück zu den Wurzeln zu gehen, ohne Dirigent aufzutreten. Dies, obwohl wir immer noch unterfinanziert sind. Nur zum Vergleich, die Kammerorchester von Basel oder Bern haben heute mehr Geld zur Verfügung, während wir im Vergleich zu 2007 pro Jahr 95000 Franken weniger erhalten.

Die Strings führen auch grössere Sinfonien ohne Dirigent auf, im Eröffnungskonzert mit Mendelssohns Italienischer Sinfonie erstmals eine aus der Romantik. Wie weit kann man da gehen?

Das wollen wir gerade herausfinden. Wir haben schon vor ein paar Jahren «Le bœuf sur le toit» von Darius Milhaud und in diesem Sommer «Pelléas und Mélisande» von Jean Sibelius gemacht. Diese leitete Daniel Dodds vom ersten Pult aus und es funktionierte sehr gut. In diesem Jahr ist es neben Mendelssohn die zweite Sinfonie von Beethoven.

Ein Wagnis?

Wir haben natürlich einen anderen Ansatz des Musizierens als etwa ein Sinfonieorchester. Aber die Schulung unserer Musiker ist auch eine andere. Beim Sinfonieorchester dominiert der Dirigent. Wir hingegen spielen auch Sinfonien aus der Idee der Kammermusik heraus. Aber man muss natürlich auch das Orchester so setzen, dass alle einander und Daniel Dodds sehen können. Das ist sehr spannend.

Auf der anderen Seite gibt es genau das Gegenteil: In dieser Saison geben die Festival Strings gar Konzerte mit dem bekannten Altmeister Bernard Haitink.

Wir sind sein Orchester beim Lucerne Festival zu Ostern im «Meisterkurs Dirigieren». Um dies abzurunden, hat er uns jetzt sein Dirigat angeboten. Dies ist natürlich eine grossartige Auszeichnung für das Orchester. Er wird unter anderem Schumann und Brahms dirigieren.

Hinweis

Festival Strings Lucerne und Martin Grubinger, Freitag 10. November, 19.30, KKL Luzern.

Lucerne Festival am Piano: Festival Strings und Piotr Anderszewski (Klavierkonzerte von Mozart): Sonntag, 26. November, 17 Uhr, KKL Luzern.

VV: Tel. 041 226 77 77

www.festivalstringslucerne.org


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