Die Katzen von Istanbul

KINO ⋅ Der Dokumentarfilm «Kedi – Von Katzen und Menschen» ist ein Streifzug auf Katzenaugenhöhe durch die Strassen von Istanbul. Und gleichzeitig einzigartiger Ausdruck der Stimmung in einer Stadt im Wandel.
01. Dezember 2017, 07:18

«Ohne Katzen würde Istanbul einen Teil seiner Seele verlieren.» Dieser Satz fällt ziemlich am Anfang von «Kedi – Von Katzen und Menschen» und fasst zusammen, um was es im Dokumentarfilm von Ceyda Torun geht: Hauptprotagonist sind die Millionen von Katzen in den Strassen der wunderschönen Stadt am Bosporus.

Denn Istanbul ist nicht nur die bevölkerungsreichste Stadt der Türkei, sondern auch die mit den meisten Katzen. Seit Hunderten von Jahren leben sie hier; seit sie während der Blütezeit des Osmanischen Reichs, auf Schiffen aus aller Welt als Rattenfänger gehalten, in den Hafen von Konstantinopel einfuhren. Viele Einheimische sehen die Strassenkatzen als Symbol von Chaos, Kultur und Einzigartigkeit, drei Begriffe, die den Charme ihrer Stadt ausmachen.

Sie haben Persönlichkeit, einen eigenen Charakter

Wenn die Kamera am Anfang die Perspektive der Vögel einnimmt, senkt sie sich schon bald hernieder, und wir sehen die Gassen und Hinterhöfe, Marktstände und Cafés mit Katzenaugen, folgen den Vierbeinern in teilweise stupenden Kamerafahrten, blicken in Katzengesichter in Grossaufnahme (Kamera: Charlie Wuppermann). Als Nebenprotagonisten fungieren die Quartierbewohner, Ladenbesitzer und Restaurantbetreiber, die von «ihren» Katzen berichten. Da gibt es das «Sensibelchen», die «eifersüchtige Hausfrau», die «elegante Diva» oder die «Kämpfernatur». Das mache sie auch für uns Menschen so faszinierend, meint jemand. «Sie sind wie wir.» Und da sie nicht wie die Vögel einfach davonfliegen könnten, müssten wir uns so gut es geht um sie kümmern. Zusammengehalten wird alles von einem Soundtrack, der die Individualität der Stadt und die ihrer vier- wie zweibeinigen Bewohner betont.

«Kedi» ist nun aber kein Film nur für Katzenliebhaber, der beim Zuschauer nur ein müdes «Jöh» provoziert, sondern ein einzigartiges Porträt einer Stadt aus höchst ungewohnter Perspektive. Die Filmemacherin Ceyda Torun, die inzwischen in den USA lebt, hat ihre Kindheit in Istanbul verbracht. Sie konzentriert sich ganz auf die positive Energie, die von den eleganten Wesen ausgehen würde. Katzenhasser kommen nicht zu Wort. Das muss dem Film nicht als Einseitigkeit ausgelegt werden. Denn letztlich geht es um universelle Werte wie Nächstenliebe, Selbstlosigkeit, Respekt und Freiheit. «Wer Tiere nicht liebt, kann auch keine Menschen lieben», bringt es jemand auf den Punkt.

Von leiser Melancholie durchzogen

Doch «Kedi – Von Katzen und Menschen» ist auch von leiser Melancholie durchzogen. Natürlich werden Katzen ausgesetzt. Städtebauliche Veränderungen nehmen den Tieren ihren Lebensraum. Schwindender Humor, schwindende Eleganz und Weiblichkeit werden beklagt. Auch solches kommt zum Ausdruck, als Seitenhiebe auf politische und gesellschaftliche Veränderungen, die den Menschen zu schaffen machen. «In ein paar Jahren gibt es vielleicht keine Katzen mehr auf den Strassen.» Diese schlimmste aller geäusserten Befürchtungen wäre für viele Bewohner von Istanbul das Ende der Verbindung von Chaos, Kultur und Einzigartigkeit.

Regina Grüter

«Kedi – Von Katzen und Menschen» läuft im Kino.

Anzeige: