Die Musik drängt mit Kraft und Intuition

SCHNELLERTOLLERMEIER ⋅ Mit dem Album «X» hat das Luzerner Trio Schnellertollermeier vor zwei Jahren international gepunktet. Jetzt legt es mit «Rights» nach. Am Freitag ist Plattentaufe mit Auftritt im Südpol. Das Werk ist faszinierend.
06. Oktober 2017, 08:16

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Vier Tage vor dem Auftritt. Die Band ist im Südpol am Proben. Hier, wo Anfang 2016 mit einer Residenz die Vorbereitungen für das neue Album den Anfang ­genommen haben und das Publikum während fünf Monaten an acht Konzerten den Erarbeitungsprozess von neuen Stücken hautnah mitverfolgen konnte.

Drum, Bass, Gitarre. Man staunt über das schlichte Instrumentarium, mit welchem einem die drei Musiker den Boden unter den Ohren wegziehen: Der Sound von Schnellertollermeier ist auch ein physisches Erlebnis.

Konzentrierte Arbeit steckt hinter ihrem Sound

Der neue Tonträger «Rights» ist ein würdiger Nachfolger von «X», jenem Album, das vor zwei Jahren die Band in einen neuen musikalischen Orbit katapultiert hat. Das amerikanische «Wall Street Journal» wählte «X» zu den besten zwölf Alben des Jahres. Die Band hat seitdem viel gespielt, tourte durch die USA und England, erntete Respekt und Begeisterung. «In Baltimore trafen wir einen Zuhörer, der neun Stunden angereist war, um uns zu hören», berichten sie. Letzte Woche traten sie am Newcastle Jazz Festival auf, im Oktober spielen sie am Kaltern Pop Festival im Südtirol, im November am London Jazz Festival. Ob Indie, Jazz, Pop: Schnellertollermeier erreichen verschiedene Zielpublikums.

Manuel Troller (Gitarre), Andi Schnellmann (Bass) und David Meier (Schlagzeug) spielen seit über zehn Jahren zusammen. Konzentrierte Arbeit steckt hinter ihrem Sound. Und auch die Freundschaft von drei Typen, deren Ehrgeiz für dringliche Musik und deren gegenseitiger Respekt für ihre Fähigkeiten das Fundament bilden, um derart akribisch dranzubleiben und abzuheben.

Teils basieren die Stücke auf komponierten Elementen, doch mehrheitlich werden sie im Prozess des Ausprobierens, Aufeinanderhörens und konsequenten Spielens erzeugt. «Manchmal gelangen wir an einen Punkt, wo sich eine ursprüngliche Idee wie erledigt hat. Oder wir erfinden aus dem Spielen heraus neue Sounds oder Bindeglieder, die einen Track in den Flow bringen, den wir suchen.»

Das Trio hat musikalisch einen Punkt erreicht, wo Genres zerstäuben und alle möglichen Derivate von Rock, Jazz, Minimal, Klangkunst und Improvisation zu einem Sound eingedampft werden, wie ihn dieses Trio generiert: eigenständig, kreativ, intelligent und von einer inhärenten Wucht. Manchmal kommt diese in voller Fettstärke zum Ausbruch, aber sie ist auch dort vorhanden, wo die Anflugschneisen erst gelegt werden und sich das minutiöse Tickern und Tackern in energetischen Spiralen super-schnörkellos aufbaut, sich dehnt, verwandelt, entlädt und neu transformiert.

Verzahnung, Details und präzise Wechsel

Die vier Tracks auf «Rights» lassen einem nicht den Raum, vorgespurte Emotionen abzuhaken. Wie durch ein Brennglas bündeln sie die zehntausend Klänge des populären Lärms und schärfen die Wahrnehmung für die Wirkung von Form, Dynamik, Energie. Die Musik des Trios ist ein Spiegel für die zerfahrene Welt um uns, ein musikalisches Statement wider die politische Verunglimpfung. Die Fundamente, auf denen wir bauen, gehören allen.

39 Minuten dauert das Album, vier längere Tracks sind enthalten. Es ist mehr, als man auf Anhieb verdauen kann, mit jedem Hören wächst die Aufmerksamkeit für die Verzahnung der diversen Muster, die Details, die präzis gesetzten Wechsel. Dass sich die breiten musikalischen Interessen der Bandmitglieder zu solch strukturierter Musik bündeln, mag überraschen. Es sind weniger stilistische Kriterien, die sie dazu treiben, als vielmehr eine Haltung. Sie will nicht säuseln oder ausufern, sondern das Essenzielle, das alle flasht, auf den Punkt spielen.

Als Hörer staunt man, wie sie das hinkriegen. So streng strukturiert die Tracks erscheinen, die Musiker erschaffen sie jedes Mal mit neuen Variationen. «Es ist immer offen», sagen die Musiker. Das Gitterwerk der minutiös gespielten Patterns lässt Freiraum. «Jeder muss 200 Prozent sein Zeugs intus haben, aufmerksam hören und agieren können. Dann können wir gemeinsam über das Material herauswachsen.» Die Intuition spielt eine grosse Rolle. «Wir merken, wenn einer länger an etwas bleiben will oder jemand eine neue Nuance einbringt. Wir haben viel gespielt in den letzten zwei Jahren. Das hat uns in dieser Hinsicht noch flexibler und direkter gemacht.»

Für einen Moment in die Zukunft geschaltet

War «X» ein Monolith mit hartkantigen Ausbuchtungen, ist «Rights» eine noch schärfer gemeisselte Skulptur mit vertrackten Geometrien und Minimaltexturen, in denen der Glanz von alten Rockfeelings und auch die Beat-Architekturen zeitgenössischer Techno-Spielarten noch schärfer hervortreten. Die einzelnen Sequenzen werden organisch verkettet, Beiläufiges ist aussortiert, Überraschendes hat Platz. Dahinter steckt die Intention, «aus einer Idee etwas Stringentes zu machen, ohne dass es langweilig wird, sondern daraus unsere eigene Musik wird».

Der vielfältige Schlusstrack «Round» schaltet nach einem faszinierenden Noise-Dschungel abrupt weg. Aus. Fertig. Sind das bereits mutierte Musiker, denen plötzlich die Algorithmen abhandengekommen sind? Wir schwören, dass es Musiker aus Fleisch und Blut sind. Aber vielleicht legen sie gerade einen archaischen Blueprint für den Sound der Roboter-Generation.

Hinweis

Schnellertollermeier: «Rights», Cuneiform (Vinyl/Download). Heute ab 22 Uhr findet im Südpol die Plattentaufe statt.


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