Die schillernde Welt des 19. Jahrhunderts

ROMAN ⋅ «Der Eiskönig aus dem Bleniotal», das letzte Buch von Anne Cuneo, ermöglicht einen packenden Zugang in die Lebenswelt eines Tessiner Pioniers.
02. Dezember 2017, 08:25

Geboren 1936 in Paris und aufgewachsen in Süditalien, kam Anne Cuneo 1950 in die Schweiz, studierte in England Anglistik und wurde, obwohl seit Jahrzehnten in Zürich ansässig, mit Büchern wie «Eine Messerspitze Blau» oder «Station Victoria» zu einer der bedeutendsten Autorinnen der Romandie. 2009 spielte man im Vallée de Joux ihr Stück «Le billet du président», mit dem sie die Jahre 1871 bis 1886 evozierte, in denen eine Eisenbahn durch das Tal gebaut wurde, um Eis des Lac Brenet nach Paris zu bringen.

Das Eis spielt auch wieder eine zentrale Rolle im Roman «Gatti’s variétés», mit dem Cuneo 2014, ein Jahr vor ihrem Tod am 11. Februar 2015, ihr vielfältiges Werk abschloss. Rico Bilger, der das Werk nun auf Deutsch vorlegt, tat gut daran, ihm den ­Titel «Der Eiskönig aus dem Bleniotal» zu geben, handelt es sich doch dabei im Wesentlichen um die Lebensgeschichte des Tes­siner Kaufmanns und Restaurateurs Carlo Gatti (1817–1878). Dessen Unternehmungen spielten im London des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Seinen Erfolg verdanke er dem Umstand, dass er den Eishandel aus Norwegen unter seine Kontrolle brachte und in seinen Etablissements und auf der Strasse zu erschwinglichen Preisen die Köstlichkeit Glace verkaufte, die bis dahin den Wohlhabenden vorbehalten gewesen war.

Die Hauptfigur ist an den Rand gerückt

Anne Cuneo schrieb aber nicht einfach eine «biographie romancée» des Glace-Pioniers, sondern stellt den jungen Mann Nicolas Martin in den Mittelpunkt der Erzählung, der als Strassenkind von Gatti vor dem Verhungern gerettet wurde, in dessen Hause aufwuchs und eine Ausbildung absolvieren konnte, mittels deren er nicht nur Eisenbahningenieur und Brückenbauer wurde, sondern auch befähigt, auf Wunsch des Analphabeten Gatti dessen Biografie zu schreiben.

Es macht den Roman nicht weniger spannend, dass nicht Gatti, sondern dieser am Ende zu Reichtum gelangte Findling im Mittelpunkt steht, während Gatti selbst eher zur Randfigur wird und man Nicolas’ Aussage, er verstecke «Gattis Lebens­geschichte in seiner eigenen», durchaus wörtlich nehmen kann. Nicolas lässt uns viele Erfahrungen und Begebenheiten miter­leben, mit denen die brillante ­Historikerin und Rechercheurin Anne Cuneo uns das 19. Jahrhundert in sprühender Anschaulichkeit vor Augen führt. So werden wir Zeugen des damaligen britischen College-Alltags, aber auch des harten Lebens eines minderjährigen Strassenverkäufers. Das Paris nach der Februarrevolution von 1848 steht dem idyllischen Studium an der Zürcher ETH kurz nach deren Gründung 1855 gegenüber, und nicht ohne Reiz sind frühe touristische Erfahrungen wie eine Kutschenfahrt über den Gotthard oder eine Fahrt auf der ersten englischen Eisenbahn.

Natürlich ist auch die Familiengeschichte der Gattis geschildert und der Versuch des Heimgekehrten, im Bleniotal in die Politik einzusteigen. Sehr viel näher aber gehen einem Passagen wie Nicolas’ Romanze mit einer russischen Studentin in Zürich oder die Begegnung mit seiner künftigen Frau.

London und Paris zum Leben erweckt

«Ich bin eingetaucht in das Leben jener Zeit», erklärt Anne Cuneo im Nachwort zum Roman. Tatsächlich ist es der Erzählerin gelungen, dem Lesepublikum nicht nur zu diesem Carlo Gatti und seinem (erfundenen) Adoptivsohn, sondern zur ganzen schillernden Welt des 19. Jahrhunderts in London und Paris einen vitalen Zugang zu verschaffen. Dabei liess sie weder die Wirtschaftsgeschichte noch die familiären und gesellschaftlichen Verhältnisse ausser Acht. Erich Liebi hat das Buch in seiner ganzen ­Exaktheit und Akribie so überzeugend ins Deutsche übersetzt, dass man meint, ein deutschgeschriebenes Buch vor sich zu haben.

 

Charles Linsmayer


 

Hinweis

Anne Cuneo: Der Eiskönig aus dem Bleniotal, Bilgerverlag, 337 S., Fr. 36.–

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