Kantaten-Uraufführung zum Bruder-Klaus-Jubiläumsjahr: Die Sicht der Frau im Fokus

SACHSELN ⋅ Die Geschichte von Bruder Klaus ergreift noch heute: Die Uraufführung der Kantate «Dorothea» des Obwaldners Joël von Moos erhielt in der Pfarrkirche Sachseln beeindruckende Standing Ovations.
24. Oktober 2017, 07:36

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Angesichts der zahlreichen Veranstaltungen zum Bruder-Klaus-Jubiläumsjahr ist erstaunlich, dass diese die Geschichte des Emeriten nicht stärker auf heutige Aktualität beziehen. Indem sie etwa den Mann, der seine Frau und zehn Kinder für ein Eremiten-Dasein verliess, zum ersten Vertreter des Phänomens «reg­ret­ting fatherhood» erklärt, wie es in einer Kolumne in unserer Zeitung hiess.

Umso gespannter war man am Sonntag auf die Uraufführung der Kantate «Dorothea» in der Pfarrkirche Sachseln. Ein junger Komponist, der Obwaldner Joël von Moos, rückte hier nämlich für einmal die Sicht der Frau des Nik­laus von Flüe und ihre Auseinandersetzung mit dem Mann, der sie und «siini Chind» verlässt, ins Zentrum.

Choralton gegen Jodel-Klassik

Eine Bruder-Klaus-Geschichte aus der Sicht seiner Frau: Das galt erst Recht für die prominent besetzte Aufführung unter der Leitung von Eberhard Rex. Denn die Jodlerin Nadja Räss überstrahlte in der Rolle der Dorothea alle vorzüglichen Mitwirkenden: den Herrenchor der Luzerner Singknaben, dem die Niklaus-Texte anvertraut waren, das Orchester Santa Maria und sogar die von Wolfgang Sieber gespielte Orgel.

Die Klangmixtur, die von Moos aus diesen Elementen mischt, löste aber vor allem den Anspruch eines «erbaulichen Werks» ein, die «romantisierte und mystisch-spirituelle Deutung eines zweijährigen Abschieds», wie der Komponist selber schreibt. In eine spirituelle Tradition gestellt werden die Reflexionen und Gebete des Niklaus von Flüe: Deren mal ein-, mal mehrstimmiger Choralton lässt sich selbst da nicht aus der Ruhe bringen, wo sich dieser Niklaus mit schwerem Herzen dazu durchringt, Welt, Frau und Kindern zu entsagen.

Die Gesänge der Dorothea dagegen sind Emotion pur. Das gilt zum einen musikalisch. In den Dorothea-Liedern legt das Orchester wiederholt einen melodiösen Klangteppich aus und trägt die Stimme von Nadja Räss immer weiter in die Höhe, bis der klassische Gesang in einen glockenhellen, alles durchdringenden Jodelton kippt.

Kompositorisch wie interpretatorisch ist diese angestrebte Verschmelzung von Klassik und Volksmusik das musikalische Herzstück des Werks, zumal Räss beweist, dass sie selber in beiden Welten zu Hause ist. Wie sie ihre Stimme aus einem innigen Piano heraus intensiv entfaltet und in den Jodel-inspirierten Passagen bis in höchste Höhen frei schweben lässt, ist grosse Klasse.

Emotional vertrauter und alltagsnäher als Niklaus’ Reflexionen sind auch die Liedtexte seiner Frau. In einem Wiegenlied betet Dorothea für die Rückkehr ihres Mannes, wenn sie den kleinen Chläusli in den Schlaf singt. Sie gesteht sich ein, dass ihr dieser Mann mit seinem ewigen Gott-Gerede fremd geworden ist. Und wenn sie dennoch trotzt «Ich hol’ nä zrugg», kann man sich diesen imaginären, auf Männerchor und solistische Frauenstimme aufgeteilten Dialog tatsächlich fast als einen modernen Beziehungskonflikt um eine alleinerziehende Mutter vorstellen.

Ein Höhepunkt der Ranft-Reihe

Dessen Dramatik deutet von Moos musikalisch freilich mit eingestreutem Tremolo-Flattern nur an. Und auch inhaltlich löst sich der Paarkonflikt etwas gar schnell und ebenfalls ganz tra­ditionell in Minne auf, wenn ­Dorothea im Gottvertrauen ihren Segen zum Entscheid ihres Gatten gibt.

Eingeschränkt wird das Konflikt-Potenzial schon dadurch, dass sich das Paar nicht im direkten Dialog begegnet. Trotzdem ist die unterschiedliche Ge­staltung der beiden Rollen – dort der Herrenchor als abstraktes Sprachrohr des Eremiten, hier die mit Leib und Seele singende Frau – ein raffinierter Kunstgriff. Wo im Bruder-Klaus-Lied zum Schluss Chor und Solosopran doch noch verschmelzen, wird die abstrakte Vorstellung einer höheren Vereinigung im Zeichen des Gottvertrauens geradezu sinnlich erfahrbar gemacht.

Danach spürte man förmlich die Ergriffenheit des Publikums in der vollen Kirche. Und auch die Standing Ovations waren keine Formalität, wie man sie von Starkonzerten kennt, sondern wirkte ganz authentisch. Es sei das Beste, was sie gehört und gesehen habe, meinte eine Stammkundin der zahlreichen «Mehr Ranft»-Veranstaltungen. Der lange und intensive Applaus in Sachseln dürfte ihr Recht gegeben haben.

Hinweis

Weitere Aufführungen: Freitag, 27. Oktober, 20 Uhr: Klosterkirche Einsiedeln. Samstag, 28. Oktober, 20 Uhr, Hofkirche Luzern.

Infos: www.mehr-ranft.ch

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