«Kettcar» traut sich den Mund aufzumachen

POLITIK-POP ⋅ Die Hamburger Band Kettcar konfrontiert ihre Hörer auf dem neuen Album «Ich vs. Wir» mit den grossen Fragen unserer Zeit. Die Antworten darauf sehen sie hingegen nicht als ihren Job an.
10. Oktober 2017, 08:24

Selbstoptimierung oder Zwangskollektivierung? Und wie wird aus dem Ich ein Wir? Die Situation ist kompliziert. Doch Kettcar lassen uns nicht allein damit, liefern aber auch keine einfachen Antworten darauf. Das macht die Hamburger Band grundsätzlich sympathisch. 15 Jahre nach ihrem Débutalbum «Du und wie viel von deinen Freunden» und 5 Jahre nach ihrem letzten Album «Zwischen den Runden» preschen Kettcar noch einmal nach vorn mit durchaus klaren Aussagen und klarer Haltung zu aktuellen Entwicklungen. Sie stellen sich, sie äussern sich, sie wehren sich.

In ihren Songs hat die Band die Dosis an schwurbeligen Gedanken, die ihren Befindlichkeitspop für einige schwer erträglich machten, merklich reduziert. Sänger und Songwriter Marcus Wiebusch, Jahrgang 1968, muss sich seiner Punk-Vergangenheit erinnert haben und daran, wie Songs knackig auf den Punkt zu bringen sind, ohne sie an dumpfe Parolen und stumpfe Soli zu verraten.

Einige der elf neuen Stücke verarbeiten deshalb relevante Themen in tiefgründigen, kraftvollen Texten, die konkret sind im Beschreiben wie im Kommentieren. Die fünfminütige Single «Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)», bereits im August als Single und mit viel medialer Resonanz veröffentlicht, erzählt haupt­sächlich im Sprechgesang die Fluchtgeschichte eines jungen Hamburgers und einiger Noch-DDR-Sachsen, die aus ­ der Vergangenheit direkt in die Gegenwart verweist. Die (sich wiederholende) Geschichte wird zum Politikum, das dazugehörige Video zum Dokudrama. Die Message: Auf Verzweiflung folgt Hoffnung, weil ein Mensch anderen Menschen die Hand reicht, fern von Ich- oder Wir-Kategorien, privatistischem oder nationalistischem Denken.

«Einfach mal die Fresse halten ist keine Schwäche»

Kettcar haben generell keine Scheu vor eindeutigen Positionen wie: «Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheissmusik auch nicht besser» oder auch: «Einfach mal die Fresse halten ist keine Schwäche» (im letzten Song «Den Revolver entsichern»). Schnelle Lösungen auf drängende Probleme sind bei ihm leider, wir erinnern uns, nicht im Angebot.

Der Rhythmus ist einfach, das Tempo hoch und die gitarrenpoppige Musik laut und lärmig, dicht und kompakt gehalten. Für diesbezügliche Innovationen und Variationen blieb da wohl keine Zeit mehr. Prinzip: Inhalt first, Verpackung second. Weil der hymnische, zum Pathos neigende Ton sich in den Dienst des Humanismus stellt, sehen wir hier von einer Rüge ab. Denn in der Summe ist «Ich vs. Wir» ein leidenschaftliches, den Mut und die Wut bündelndes Album, das Musiker als Künstler präsentiert, die Pop und Politik in diesen Zeiten nicht trennen wollen. Dabei umkurvt die Band als deutlich mahnende und Stellung beziehende deutschsprachige Stimme viele der Hindernisse, die sich in so einem Falle auftun. Wenn andere Bands nach all den Jahren nur satt und müde um sich selbst kreiseln, starten Kettcar erst richtig durch. Besser spät als gar nicht.

Oliver Seifert

Kettcar: «Ich vs Wir», ab Freitag erhältlich

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