«Die UNO bekommt es nicht hin»

DOKUMENTARTHEATER ⋅ Er wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, sorgte mit aufsehenerregenden Inszenierungen für Furore, gilt als einflussreichster Regisseur Europas. Jetzt eröffnet Milo Rau in Berlin das «Weltparlament».
29. Oktober 2017, 04:38

Interview: Julia Nehmiz

Vor zwei Wochen feierte er mit seiner Inszenierung «Lenin» an der Schaubühne Berlin Premiere, nächste Woche folgt sein nächstes Grossprojekt: Der St. Galler Regisseur und Theaterberserker Milo Rau ruft in Berlin das «Weltparlament» aus.

Milo Rau, sind die Teilnehmer des «Weltparlaments» schon in Berlin gelandet?

Nein, ähnlich wie die wahren Parlamentarier kommen sie erst zur Sitzung. Und da sie nicht aus Ulm oder Potsdam anreisen, sondern aus allen Teilen der Welt, ist es ein ziemlicher Aufwand. Würden wir sie früher anreisen lassen, stiegen unsere Kosten ins Unermessliche.

Die «General Assembly» wird also nicht wie ein Theaterstück geprobt, sondern findet live statt?

So etwas kannst du nicht proben. Das verläuft ähnlich wie beim «Kongo-Tribunal», wir haben eine Tagesordnung und ein krasses Zeitregime. Hunderte von Fragen sollen verhandelt werden.

Wozu braucht es denn ein Weltparlament? Es gibt doch schon die UNO, die Unesco, die EU, etliche Abkommen und Verträge ...

Die Frage ist doch, wieso gibt es noch kein Weltparlament? Was beispielsweise der Deutsche Bundestag beschliesst, hat Auswirkungen auf Menschen weltweit. Oder nehmen Sie die Schweiz: Dort agieren Firmen, die vom hiesigen Steuersystem profitieren und Menschen in anderen Ländern ausbeuten. Es gibt keine Verfahrensweise, um die Fragen und Themen, die die Menschen weltweit betreffen, demokratisch zu verhandeln. Die UNO bekommt es einfach nicht hin.

Ein Weltparlament auszu­rufen klingt etwas grössenwahnsinnig, als wollten Sie in drei Tagen die Welt retten.

Das wollen wir nicht. Es ist ein symbolischer und ein zivilpolitischer Akt. Und nach einem Tribunal im Dschungel ist ein Parlament in Berlin nicht so unwahrscheinlich. Künstler können Utopien denken und sie künstlerisch wahr werden lassen. Kein Politiker kann ein Tribunal gegen das kongolesische Regime durchführen. Wir als Künstler schon.

In den Plenarsitzungen werden Themen verhandelt, an denen sich die Politik seit Jahren die Zähne ausbeisst. Wie sollen Ihre Abgeordneten in wenigen Stunden Lösungen erarbeiten?

Klimapolitik, Kulturpolitik, ökologische Fragen, Kriege und Konflikte, das sind alles Fragen, die uns und die nächste Generation beschäftigen. Unsere «General Assembly» ist ein Gründungsakt. In den fünf Sitzungen soll über insgesamt 15 Anträge entschieden werden, ob diese in die Entscheidungsgewalt eines Weltparlaments fallen würden oder ob nicht eher regional darüber entschieden werden müsste.

Aber was bringt es, dies theatral durchzuführen?

Theater ist sehr praktisch und real. Die Verhandlungen finden wirklich statt! Wir zeigen das Weltparlament, wie es funktioniert. In Zusammenarbeit mit etlichen Organisationen wie der Welthungerhilfe, Reporter ohne Grenzen oder der Gesellschaft für bedrohte Völker haben wir über 70 Teilnehmer aus allen Kontinenten eingeladen. Der Vertreter der Cyborgs trifft auf die Aktivistin aus Bangladesch, der AKP-Unterstützer begegnet dem Vorsitzenden der Kurdischen Gemeinde Deutschland.

Trotzdem: Es bleibt Theater.

Aber Theater bleibt nicht folgenlos. Durch unser «Kongo-Tribunal» entwickelte sich ein Problembewusstsein. Erstmals wurden im Kongo Geschehnisse verhandelt, Betroffene und Verantwortliche standen sich gegenüber. Und es geht weiter, im Kongo entstand das Bedürfnis, weitere Tribunale abzuhalten. Das geschieht nun aber nicht mehr durch uns, sondern wird von den Menschen vor Ort ausgeführt. Wir unterstützen das weiterhin, wir haben einen Film, ein Buch, eine Webseite veröffentlicht. Als Künstler treiben wir diese Bewegung voran.

Soll das Weltparlament öfters durchgeführt werden?

Es gibt Überlegungen, die «General Assembly» in weiteren Ländern abzuhalten. Noch fehlen uns dafür aber die konkreten Zusagen. Doch die Idee des Weltparlaments ist zukunftsträchtig. Es muss ein Weltparlament geben, sonst endet es in einer Katastrophe. Die Globalisierung muss demokratisiert werden.

Grosse Teile der Bevölkerung lehnen das EU-Parlament als Bürokratiemonster ab. Wie soll ein Weltparlament Anerkennung finden?

Es gibt in der EU keine Volksabstimmungen. Nur die Expertenrunde entscheidet. Auch die EU muss demokratisiert werden. Und: Ein Weltparlament heisst nicht, dass alles nur noch dort entschieden wird. Innerhalb der Menschheitsgeschichte sind die Nationalparlamente ein Fortschritt. Anstatt Tausenden von Clans gibt es heute 200 Grossgruppen. Doch Nationen sind oft künstliche Gebilde, regionale Zusammengehörigkeitsgefühle sind gewachsener. Vielleicht ist eine Weltdemokratie verbunden mit den Regionen, aber ohne Nationalparlamente, die Lösung.

«General Assembly», 3. bis 5.11., Schaubühne am Leniner Platz, Berlin. «Sturm auf den Reichstag» am 7.11. Livestream der Plenarsitzungen auf www.general-assembly.net


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