Die Unruhe der Normalität

COMIC ⋅ Der Schweizer Comicschöpfer Gion Capeder legt mit «Superman» eine so stimmungsvolle wie verstörende Graphic Novel vor.
27. Oktober 2017, 08:20

Hans Keller

Es ist eine unheimliche Graphic Novel. Blättert man in «Superman», flattern korrekt gekleidete moderne Menschen in ebenso modernem Ambiente vorbei. Hier herrscht gutbürgerliche Ordnung: Bürolisten in mauvefarbenen Hemden gucken in den Laptop, Hunde bellen stereotype Alleebäume an, die an öden Vorortsstrassen stehen, neben denen sich eine sonnenbeschienene Mietskasernen-Fassade an die andere reiht. Keine Altbauten weit und breit, alles ultramodern und clean in einer vorwiegend pastellfarbenen urbanen Welt.

Die erste ganzseitige Szenerie zeigt den Ausschnitt eines Zimmers aus der Vogelperspektive: einen teilweise von der Sonne beschienenen Parkettboden, eine Lampe auf einer Kommode sowie ein angeschnittenes Bett, auf dessen Kissen, ebenso angeschnitten, ein nackter Mann mit leicht geöffnetem Mund liegt. Daneben ein hingeworfener Damenslip.

Nüchtern inszenierter Schweizer Alltag

Protagonist Chris, der sich auf der zweiten Seite im lichtdurchfluteten Zimmer ankleidet, geht anschliessend auf den Bahnhof, schaut einer jungen Frau, die ihr Handy prüft, auf den Hintern, trinkt gedankenverloren seinen Kaffee aus einer Papptasse, die er danach entsorgt und bewegt sich auf die einfahrende S-Bahn zu. Sequenzen eines nüchtern inszenierten schweizerischen Alltags.

Im Büro schätzt man Chris, seine klare und präzise Art, wie er die Arbeit erledigt. Eine Beförderung liegt in der Luft. Nur: sein Vorgesetzter hat bemerkt, dass Chris gelegentlich neben den Schuhen steht. Kann natürlich jedem passieren. Nein, Chris geht’s blendend, zu Hause warten Frau und Kind auf ihn; alles in bester Ordnung. Wirklich? Chris wird von einer seltsamen Unruhe umgetrieben. Er bricht innerlich zunehmend und zusehends aus der «Normalität» aus, allerdings nur virtuell; dieses Versagen führt zu Ersatzrebellionen, die sich masochistisch äussern können – etwa darin, dass Chris plötzlich einen Bleistift zerbricht. Seine Unruhe versucht Chris durch sexuelle Abenteuer mit zufälligen Bekanntschaften oder Prostituierten zu beschwichtigen. Aber auch durch Selbstverstümmelungen: er rammt sich in einem Zustand innerer Rast- und Ratlosigkeit einen Bleistift in die eigene Hand.

Die ewig gleichen Fotos der ewig gleichen Ferien

Hier wird in Wort und Bild die Biografie eines modernen Menschen erzählt, der sich offenbar nie ausgetobt hat, der sich nie im Dreck wälzte und der nie wirklich seine Triebe ausleben konnte. Und der trotz beruflichem Erfolg und Familienglück letztlich ohne Perspektive in den Szenarien der modernen westlichen Welt steht. Der die ewig gleichen Ferien am ewig blauen Meer verbringt und die ewig gleichen Fotos den Verwandten zu Hause übermittelt. Auch die Sex-Eskapaden, die Chris als Auspuff dienen sollen, wirken kaum lustvoll oder gar befreiend, sondern zwanghaft.

Die Handlung driftet auf eine Katastrophe zu, die den Protagonisten in den Abgrund reisst; allerdings einen Abgrund, der – ganz im Sinne der tristen Normalität, der hier nicht zu entkommen ist – gar keiner ist , sondern lediglich die Leere einer diesigen Agglo-Dämmerung. Eine wahrhaft verstörende, aber souverän und stimmungsvoll inszenierte Bildergeschichte.


Leserkommentare

Anzeige: