Daniel Mebold: «Die Wurzeln müssen erkennbar sein»

LUCERNE BLUES FESTIVAL ⋅ Daniel Mebold (56) ist für das Menü des Lucerne Blues Festivals verantwortlich, das am Samstag startet. Der Artistic Director liebt am Blues das Authentische. Was meint er damit?
10. November 2017, 07:09

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

«Ich habe das Lucerne Blues Festival vor gut 20 Jahren als Besucher kennen gelernt und dort gemerkt, wie viel es zu entdecken gab», sagt Daniel Mebold. Bald geriet er selber ins Umfeld der Organisatoren. Martin «Kari» Bründler, sein Schwager, fragte ihn, ob er als Fahrer mithelfen wolle. Mebold winkte ab. «Ich wollte vor allem die Konzerte hören. Diese hätte ich als Fahrer zu einem grösseren Teil verpasst.» Stattdessen begann er, Bründler bei der Administration zu unterstützen. «Da war die grösste Arbeit vor dem Festival zu erledigen. So konnte ich die Bands in vollen Zügen geniessen.»

Vor zwei Jahren hat Mebold als neuer Artistic Director erstmals die Verantwortung für die Programmierung des Festivals übernommen. Im Programmgremium sind neben Mebold auch der langjährige Präsident und Festival-Mitbegründer Guido Schmidt sowie der in Hamburg lebende Blues-Liebhaber Ron Salewsky dabei. «Wir haben lediglich 14 Plätze zu besetzen. Weil wir immer noch viel mehr Wünsche und Ideen haben, als wir tatsächlich programmieren können, ist das jedes Mal ein hartes, aber auch spannendes Ausscheidungsverfahren.»

Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpfen

Der Fundus an möglichen Acts sei immer noch riesig, sagt Mebold. Es geht um die richtige Mischung. «Wir möchten ein spannendes Festival bieten, das die verschiedensten Spielarten des Blues abbildet, die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft und neben Musikern immer auch Musikerinnen berücksichtigt.» Ein weiteres Kriterium ist das Budget, das oftmals Grenzen setzt. Seit dem Zusammenbruch des Tonträgermarktes sind die Gagen auch im Blues gestiegen. «Da hilft uns natürlich auch der sehr gute Ruf unseres Festivals, der sich bei Musikern herumspricht und dazu führt, dass man gewisse Gagen verhandeln kann.»

Artistic Director Dani Mebold liebt Musik. Als er Mitte der 1990er das erste Lucerne Blues Festival besuchte, hatte er als Musikfan den Blues schon lange intus. Über die damalige Hitparade, aber vor allem mit The Beatles und The Rolling Stones war er als Primarschüler von Musik berührt worden. «Über die Stones begann ich mich für deren Vorbilder zu interessieren, kam zu Muddy Waters, Howlin Wolf oder Chuck Berry.» Eine Initialzündung in Sachen Blues bedeutete Hound Dog Taylor, dessen Songs er in einer Spezialsendung am Radio hörte. «Anderntags ging ich zu Gabor Kantor, und er hat mir eine Platte von Hound Dog bestellt.»

Im Café Meier in Luzern erlebte er als Jugendlicher mit der Black Mountain Blues Band sein erstes Blues-Konzert. Parallel dazu hörte er die Yardbirds, Cream, Fleetwood Mac oder Ten Years After. «Das veranlasste mich immer wieder, in die Vergangenheit zurückzugraben und deren Blues-Inspirationen zu entdecken.» Mit dem Blues richtete sich der Radar spezifischer auf Amerika und dessen reiche Roots-Musikwelt. Eine besondere Liebe entwickelte Mebold auch zum San-Francisco-Sound der 1960er- und frühen 1970er-Jahre mit The Grateful Dead oder Quick­silver Messenger Service. Aber es fallen auch Namen wie John Fogerty, Neil Young, Doug Sahm oder The Band, die für ihn musikalisch eine Essenz beinhalten, die viel mit Authentizität zu tun hat.

Oft gebrochene Biografien

Auch am Blues fasziniere ihn das Authentische, das Ursprüngliche, Ehrliche, sagt Mebold. Wie lässt sich heutzutage authentisch überhaupt noch definieren? Für Mebold ist es Musik, die nicht in erster Linie mit einem Hintergedanken ans Geldverdienen gemacht werde, sondern weil sie quasi gemacht werden müsse. «Es sind Leute, die nicht selten gebrochene Biografien haben, aber auch über besondere musikalische Fähigkeiten verfügen, mit denen sie versuchen, aus ihren schwierigen Verhältnissen das Beste zu machen und ihnen einen positiven Dreh zu geben.» Das ziehe sich durch im Blues, bis heute. Mal gelinge es besser, mal weniger. «Das ist für mich authentisch.»

1989 konnte Mebold, der als technischer Kaufmann tätig ist, für eine Schweizer Firma ein paar Monate in den USA arbeiten. Dort unternahm er seine erste längere Autoreise quer durch die Staaten, von Ost nach West, in den Süden von Kalifornien und «untendurch» wieder zurück Richtung Osten. Seitdem ist er, unterdessen auch mit seiner Frau Theres oder seinen Blues-Kumpels, wiederholt durch Amerika gereist und hat die einschlägigen Orte besucht. Die Sun Studios in Memphis, das Mississippi-Delta, Louisiana mit der Zydeco- und Cajun-Kultur, San Francisco mit seiner Beatnik- und Hippie-Vergangenheit und natürlich Chicago mit seinen Blues-Clubs.

Fogerty würde nicht ins Konzept passen

Trotz seiner breiten Vorlieben ­respektiert und schätzt Daniel Mebold die klare Ausrichtung des Lucerne Blues Festivals. Sie ist nicht stur, aber hat doch ihre Prinzipien: «Blues in allen Facetten mit einem leichten Blick über den Tellerrand hinaus», lautet sein Credo. Das ist nicht puristisch, aber grenzt sich auch ab gegen eine Verwässerung hin zu mehr Rock oder Mainstream. «Natürlich könnte das funktionieren, aber es ist nicht unser Ding. Wir sind ja schon in der glücklichen Lage, dass unser Konzept bis jetzt sehr erfolgreich ist.»

Selbst wenn theoretisch ein John Fogerty oder ein Neil Young erschwinglich wären, kämen sie für Mebold nicht in Frage. «Unser Festival ist offen für diverse Blues-Spielarten, aber die Wurzeln zum ursprünglichen Blues müssen erkennbar sein. Das ist unser Anspruch.» Es ist immerhin das, was das Lucerne Blues Festival bis jetzt unverwechselbar gemacht hat. Und, sagt Mebold: «Mit den rund 40 Leuten des OK, die alle ehrenamtlich arbeiten, konnte ein Boden des Enthusiasmus und des Zusammenhalts geschaffen werden, wie das heutzutage wohl kaum mehr möglich wäre.»

Hinweis

Lucerne Blues Festival, 11. bis 19. November; www.bluesfestival.ch


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