Dieser Film bringt Russland in Rage

KINO ⋅ Ein in Comedy erfahrener Brite dreht einen Film über Stalin. Komik im Stil von Monty Python? Nein, dafür bewegt sich «The Death Of Stalin» zu nah an der Wahrheit.
13. April 2018, 07:48

Es war Anfang Februar, als bekannt wurde, dass «The Death Of Stalin», die irrwitzige Politsatire über Stalins letzte Tage, Machtübernahme und Terror, in Russland verboten wurde. Die britisch-französische Produktion sei eine Verunglimpfung der sowjetischen Geschichte, hiess es von staatlicher Seite. Die Vorsitzende des Kulturkomitees des russischen Parlaments, der Duma, Jelena Drapenko, erklärte, dass sie in ihrem «Leben noch nie etwas so Ekelhaftes gesehen» habe.

Regisseur Armando Iannucci reagierte auf das Verbot mit den Worten: «Alle Russen, die den Film gesehen haben, inklusive der Presse, haben ihn genossen. Sie fanden ihn lustig und wahr.» Nun, wie viel Wahrheit steckt in «The Death Of Stalin», und ist der Film wirklich lustig?

Vorsicht mit ­ den Witzen

Die Handlung setzt ein im Frühjahr 1953. Josef Stalin (1878–1953) ist nicht nur Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), er ist die Partei. Auch der engste Kreis, seine Terrorwerkzeuge, müssen sich genau überlegen, was für Witze sie reissen beim allabendlichen Polit- büro-Essen. Da sind Stalins Nummer zwei, Malenkow (Jeffrey Tambor), der linientreue Molotow (Michael Palin), der fidele Chruschtschow (Steve Buscemi) und der Brutalste von allen, Beria (Simon Russell Beale), Chef der Geheimdienste. Keiner will sich die Gunst Stalins verspielen, das könnte tödlich sein. Tot ist dann aber erst einmal Stalin selber; er erliegt den Folgen eines Schlaganfalls. Da gehen das Gerangel um die Macht und der Film erst richtig los.

So weit, so wahr. Auch die gleichnamige Graphic Novel von Fabien Nury und Thierry Robin, worauf Iannuccis Film beruht, stützt sich auf wahre Ereignisse. Der Regisseur nun wollte erklärtermassen einen Film über Diktatur drehen, nachdem sich der Brite in den äusserst erfolgreichen Fernsehserien «The Thick Of It» und «Veep» bereits ausgiebig mit den Mechanismen von Macht – in Grossbritannien und in den USA – beschäftigt hatte. Molotow-Darsteller Michael Palin beschreibt den Fortgang der Handlung sehr treffend: «Sie alle tänzeln umeinander herum, fast wie in einer Tanzchoreografie, und hin und wieder stechen sie jemandem in den Rücken.»

Jämmerliche Gestalten –grandioses Ensemble

Ist nun «The Death Of Stalin» ­Satire, Komödie oder Tragödie? Irgendwie alles und nichts, dafür steckt zu viel erschreckende Wahrheit in diesen an sich jämmerlichen, machtblinden Gestalten – verkörpert von einem grandiosen Ensemble. Für sie ist das Volk reine Manipuliermasse. Ein harmloser Bauernwitz macht die Runde, gefolgt von den Zeilen: «Schreib ihn auf die Liste und ­seine Frau auch. Erschiess ihn zuerst, damit sie es sieht.» Ekelhaft, in der Tat, aber wohl ziemlich den Nagel auf den Kopf getroffen.

Regina Grüter


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