Ein europäisches «Tausendundeine Nacht» mit Leo Tardin

LUZERN ⋅ Das Festival «Piano im Pool» startet fulminant. Im ausverkauften Neubad verzaubert der Pianist Leo Tardin sein Publikum mit langen Improvisationen.
14. Oktober 2017, 07:51

Sie sind rar geworden, diese sich ausstreckenden Momente. Jene verlorenen Zeitpunkte, in denen ein einzelner Musiker aus der Energie des Hier und Jetzt seine langen Fantasien spinnt. Der Pianist Leo Tardin ist einer dieser Melodienmusiker, ja Geschichtenerzähler. Seit er 1999 in Montreux die internationale Jazz Festival Piano Competition gewann, tourt er um die halbe Welt. Dabei ist er weniger in grossen Sälen zu finden, sondern bevorzugt oft kleine, akustisch spezielle Orte. Wie jetzt, zum zweiten Mal nach 2014, im Luzerner Neubad. Und dies ist gleich auch die erste Überraschung. Wie geschaffen scheint die Plattenwand des grossen Beckens, um ein (Jazz-)Piano zur Geltung zu bringen. Die einzelnen Töne leuchten intensiv. Der Klang ist transparent und voll.

Das Spiel von Leo Tardin fügt sich ideal in diese Akustik ein. Barfuss am Piano sitzend, benützt er die Pedale sparsam, spielt mit klarem Anschlag, schafft Transparenz und Licht. Seine exzellente Technik und das Akkordverständnis helfen natürlich ebenfalls. Aus dieser flüchtigen Sichtigkeit entsteht seine Musik, geboren aus dem Innern. Oder wie es Tardin selber formuliert: «In der ersten Minute habe ich keine Idee, wohin ich gehe. Der Ort und die Akustik bestimmen dann die Richtung. Manchmal schlage ich einen völlig falschen Weg ein.» Nun, an diesem Abend ist dies höchstens einmal der Fall. Als er im dritten Stück nahtlos in eine neue Melodie, neue Stimmung hinüberwechselt, beendet er die Komposition nach wenigen Minuten. Und was für «Kompositionen»! Das erste Stück beginnt sanft, zärtlich und tastend, ein enges oktavisches Spektrum absteckend. Aus diesem Ton- und Rhythmuszentrum entwickelt sich langsam ein weit verzweigter Blütenbaum, eine Verästelung aus Geschichte und Zeit. Die ganze Kraft der Musik steigt aus der Eingebung des Pianisten. Ein europäisches «Tausendundeine Nacht», eine Trance von der ersten bis zur letzten Minute. Nur normal, dass dies an den grossen Melodiker Keith Jarrett erinnert. Vor allem die dritte Improvisation, bei der alles auf einem rhythmischen Ton beginnt, scheint anfangs fast als Hommage gedacht. Trotzdem ist es etwas Eigenes, sind Farbenspiele aus dem Inneren geboren. Ein wunderbarer Abend, der in viele Welten führt.

 

 

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Für die Konzerte heute Samstag sind noch Tickets erhältlich.

Anzeige: