Gitarrist aus Madagaskar und seine Band sorgen für Glanzpunkt an den Stanser Musiktagen

STANS ⋅ Die wunderbare Musikalität von Toko Telo aus Madagaskar setzte am Mittwoch einen Höhepunkt an den Stanser Musiktagen. Am Freitag findet in Stans eine spannende Hommage an Urs Blöchlinger statt.
12. April 2018, 16:49

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Gut zwei Stunden lang haben Toko Telo am Mittwoch im Theater an der Mürg gespielt. Man durfte sich bei diesem Trio aus Madagaskar auf einiges gefasst machen, allein schon wegen des Ausnahmegitarristen D’Gary. Doch ob und wie dann letztlich die Performance wirkt, kann nur 1:1 erlebt werden. Und sie hat gewirkt. Lebensfreude, Groove und eine leichtfüssige Virtuosität charakterisieren dieses Trio. Auch Gitarrenfreaks kamen bei diesem Konzert auf die Rechnung. Niemand spielt hierzulande mit dieser Technik und diesen fliessenden Patterns.

Nach dem überraschenden Tod von Gründungsmitglied und Akkordeonist Régis Gizavo im vergangenen 2017 hat Gitarrist Joël Rabesolo seinen Platz übernommen und bildet mit D’Gary und der Sängerin Moniks Njava die neuen Toko Telo. Die beiden Gitarristen weben mit ihren Zupftechniken und melodischen Schnörkeln dichte Grooves, über denen sich die Stimme von Njava in all ihrer Kraft und Emotionalität ausbreitet. Aber auch sie groovt und macht mit dem Tambourin gehörig Puls.

Die Musik von Toko Telo erzeugt einen hypnotischen Sog. Gleichzeitig ist sie hochmelodisch, seelenvoll und höchste Singer Songwriter Kunst. Statt Blues, Appalachen-Folk oder Zäuerlis legen die vielfältigen Formen madagassischer Volksmusik die Fundamente, die mit eigenen Zutaten im Heute gespiegelt werden. Die Songs erzählen einfache Geschichten vom Dorfleben, von der Mühsal und den Sehnsüchten der Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel.

Versponnenes Gebastel

Diametral anders wirkte die Musik des slowenischen Trios Širom. Mit einer Vielzahl von zum Teil selbstgebauten Saiten- und Schlaginstrumenten wurde der Acid-Folk der alten Hippies wiederbelebt und mit Trance-Drone-Elementen angereichert. Das hatte Charme, war experimentierfreudig, kurios und liebevoll. Aber im Vergleich mit dem erdig-hypnotischen Afrika-Groove klang dieser völlig andere musikalische Ansatz wie ein versponnenes Gebastel.

Pech, dass an diesem Abend die virtuose Leichtigkeit aus Madagaskar dazwischenfunkte.

Eröffnet wurde der zweite Festivalabend von Michel Godard (Serpent, E-Bass), Natasa Mirkovic (Stimme) und Ihab Radwan (Oud, Stimme). Das Trio verband sephardisch-orientalische Lieder mit eigenen Kompositionen. Ein intim musizierter Brückenschlag zwischen Orient und Okzident, Tradition und Moderne, der trotz vitalen Passagen und melodisch eigenwilligen Serpent-Arabesken auf weite Strecken etwas einförmig und stimmlich wenig überzeugend klang.

Radikaler und wilder

Eine Premiere, die man mit Spannung erwarten darf, ist am Freitag angesagt: Unter dem Titel «Neues aus Kungusien» wartet ein top besetztes Septett mit einer Hommage an den Schweizer Saxofonisten Urs Blöchlinger auf, der 1995 mit 41 Jahren gestorben ist.

Der in Wettingen geborene Multiinstrumentalist und Komponist war ein rastloser, innovativer und eigenwilliger Musiker. Blöchlinger spielte zunächst Gitarre und Trompete, bevor er zum Saxofon wechselte. Die Ausbildung an der Musikakademie Zürich brach er vor dem Diplom ab. Erstmals breiter wahrgenommen wurde er Ende der 1970er-Jahre mit dem Jerry Dental Kollekdoof, das eine Mischung aus Free Jazz, Rockkabarett und Dada-Spirit auf die Bühne brachte. Dann hatte er ein Trio, war mit dem Ensemble Legfek aktiv und gründete Formationen wie Heilige Bimbam oder Kuddeldaddeldu.

Blöchlingers Musik lotete Grenzen aus, war sperrig, unbequem, aber auch facettenreich und abenteuerlich. Auf Initiative von Christoph Baumann (p) und Dieter Ulrich (dr), zwei seiner engsten Mitstreiter, kommt es nun endlich zu einer neuen Begegnung mit Blöchlingers Kompositionen und musikalischen Auffassungen. Sie sind mit Sicherheit radikaler und wilder als vieles, das uns heute als zeitgenössischer Jazz serviert wird.

Das neugegründete Kollektiv, in dem Blöchlingers Sohn Lino Blöchlinger den Part seines Vaters übernimmt, hat sich eingehend mit dem Werk von Blöch­linger auseinandergesetzt und übersetzt die kompositorischen Strukturen und improvisatorischen Aspekte mit den eigenen Erfahrungen und Prägungen von heute. Nach dem Auftritt an den Stanser Musiktagen wird die Band mit ihrem Projekt eine kleine Tournee durch die Schweiz unternehmen.

  • Sie standen während der Stanser Musiktage 2018 auf verschiedenen Bühnen im Rampenlicht: das Echo vom Schattenhalb und Natur pur beim Konzert auf der Länzgi-Bühne. (© André A. Niederberger)
  • Die angolanische Singer-Songwriterin Aline Frazão (© André A. Niederberger)
  • John Menoud von Lalibela Express (© André A. Niederberger)

Imrpessionen vom Festival in Stans.


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