Ein Liederabend, der wehmütig stimmt

LUZERN ⋅ «Schätze des Belcanto» versprach der Liederabend des Tenors Rolando Villazón im KKL. Der Mexikaner legt sich wie gewohnt mächtig ins Zeug, doch seine Stimme gehorcht ihm nicht immer auf Anhieb.
09. Oktober 2017, 05:01

Exakt einen Monat zuvor ist Juan Diego Flórez in einem umjubelten Rezital im KKL aufgetreten. Der 44-jährige Peruaner befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Am Samstag nun präsentierte sich sein Tenor-Kollege Rolando Villazón (45) im Konzertsaal. Der Unterschied könnte kaum grösser sein: Während der eine mit seinen stimmlichen Mitteln aus dem Vollen schöpfen kann, muss der andere sorgfältig mit seinen gestalterischen Möglichkeiten umgehen. Villazóns beste Zeit liegt schon etliche Jahre zurück. Nach einer schweren Stimmkrise 2009 hat der Mexikaner den einstigen Schmelz in seiner Stimme weitgehend verloren. Es stimmt wehmütig, ihn heute so zu hören.

Rolando Villazón hat das Programm für seinen Liederabend geschickt ausgewählt: Stücke, die vor allem eine solide Mittellage und keine Spitzentöne verlangen. Vier Arie Antiche dienen dem Sänger zum Einsingen, die Stimme klingt recht spröde. Giordanis berühmtes «Caro mio ben» gelingt einnehmend. Dann drei Lieder von Alessandro Scarlatti: Villazón wird expressiver, sein Latino-Temperament bricht durch – und er spielt den Clown. Das Publikum, darunter offensichtlich viele Fans des Sängers, mag es. In Rossinis «La gita in gondola» schimmert ein wenig der frühere Schmelz durch. «Mi lagnerò tacendo» wäre eigentlich ein ernstes Stück – nicht so beim Mexikaner. Mit einem feurigen «La danza» entlässt der Sänger das Publikum in die Pause.

Mühe mit den langen vokalen Linien

Der zweite Teil mit drei Arietten von Vincenzo Bellini und vier Liedern von Giuseppe Verdi lässt keine Clownerien zu. Villazon verkneift sie sich denn auch. Bei Bellini hat der Tenor Mühe mit den langen vokalen Linien. Die Stimme sitzt nicht auf dem Atem, die Piani klingen auch hier artifiziell und ohne Stütze. Immerhin: Die langsamen Tempi, die die souveräne Klavierbegleiterin Carrie-Ann Matheson anschlägt, kommen Villazón entgegen.

Gefühlvoll gelingen dem Sänger Verdis «Non t’accostare all’urna», «Il poveretto» und «Deh, pietoso, oh Addolorata». Die Stimme klingt besser fokussiert. Für «L’Esule» legt sich Rolando Villazón noch einmal so richtig ins Zeug, baut das sich steigernde Stück behutsam auf. Die Zuschauer erheben sich zu Standing Ovations. Der Sänger freut sich mächtig und schenkt seinen Fans vier Zugaben, darunter ein feuriges «Mescetemi il vino» und als Rauswerfer «Funicoli, funicolà» zum Mitsingen.

Der quirlige Künstler ist heute mit vielen Talenten unterwegs. Er arbeitet auch als Opernregisseur, Romanschreiber, Karikaturist und Moderator. Dass er ein Star zum Anfassen geblieben ist, was ihm viel Sympathie einbringt, ist nach dem Konzert im KKL-Foyer zu erleben. Die Konzert- besucherinnen und -besucher, die ein Autogramm von dem umtriebigen Tausendsassa ergattern wollen, sind kaum zu bändigen.

 

Stefan Degen

stefan.degen@luzernerzeitung.ch

 

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