Matteo Gariglio: Ein Luzerner Filmer in Buenos Aires

FILM ⋅ Der Regisseur Matteo Gariglio lebte längere Zeit in einem Armenquartier von Buenos Aires. Sein Film über die andere Seite von Argentiniens Fussballwelt ist am Freitag an der Innerschweizer Filmpreisnacht zu sehen.
09. August 2017, 04:39

Geri Krebs

kultur@luzernerzeitung.ch

«Vor zwölf Jahren war für mich dieses Festival das erste Mal überhaupt, dass ich mit der Welt eines Filmfestivals in Berührung kam, ich war als junger Rucksacktourist eher zufällig hier gelandet», erzählt Matteo Gariglio an diesem drückend heissen Augusttag in Locarno strahlend. Mit «dieses Festival» meint Matteo Gariglio allerdings nicht das Filmfestival Locarno – wo er sich in diesen Tagen als einfacher Zuschauer aufhält –, sondern ein Festival, das über 10 000 Kilometer weit entfernt liegt, das «Guanajuato International Filmfestival».

An diesem Festival in der zentralmexikanischen Kolonialstadt Guanajuato, das es seit zwanzig Jahren gibt und das eines der drei wichtigsten Filmfestivals in Mexiko ist, hat Matteo Gariglio mit seinem Film «En La Boca» teilgenommen – und dafür letzte Woche prompt den Preis als bester internationaler Kurzfilm abgeholt.

Grosse Affinität zu Lateinamerika

Dass er als Schweizer Regisseur in einem Land Lateinamerikas einen Preis bekommt für einen Film, der sich mit Realitäten in einem Land am anderen Ende des Doppelkontinents befasst, freut Gariglio natürlich ganz besonders, denn er hat eine grosse Affinität zu Lateinamerika. Gariglio, der 2010 seine Filmausbildung an der Hochschule Luzern – Design & Kunst mit dem Bachelor abschloss, hat sich seit jener Mexiko-Reise vor zwölf Jahren mehrmals für längere Zeit in Lateinamerika aufgehalten, er lebte 2012/13 während mehr als einem halben Jahr am anderen Ende Lateinamerikas, in der argentinischen Metropole Buenos Aires.

«Ich hatte schon bei früheren Reisen den Traum, in dieser pulsierenden 12-Millionen-Stadt zu leben, dort künstlerisch tätig zu sein», erzählt Matteo Gariglio, um dann zur Entstehungsgeschichte von «En La Boca» überzuleiten: «Ich wohnte in Buenos Aires in San Telmo, einem Nachbarquartier von La Boca, fotografierte viel, hatte vor, ein Projekt über die Fans des dort beheimateten weltberühmten Fussballclubs Boca Juniors zu realisieren.» So sei er in dieser ärmlichen Gegend, wo das riesige Fussballstadion wie ein eher luxuriöser Fremdkörper wirkt, mit der Familie in Kontakt gekommen, die nun in «En La Boca» ganz im Zentrum steht.

Diese Familie lebt weitgehend vom Verkauf gefälschter Eintrittskarten zu den Fussballspielen, erzählt Matteo Gariglio, und man wundert sich bei seinen Schilderungen, dass er als Ausländer mit einer teuren Kamera in der Hand sich in dieser Welt von Marginalität und Armut bewegen konnte und dass er dieses Abenteuer schadlos überstand. «Ich bin nicht naiv», lacht er auf eine entsprechende Frage. Er betont, dass er durch seine Reiseerfahrung zu wissen glaubt, wann eine Situation brenzlig wird und welchen Leuten man vertrauen könne und welchen nicht.

«Die Familie meines Protagonisten hat mich aufgenommen wie einen – fremden – Sohn, und sie war es auch, die mich stets beschützt hat, wenn ich am Fotografieren war.» Dass sich das Projekt dann zum Dokumentarfilm gewandelt habe, sei ein relativ kurzer Entscheid gewesen, betont Gariglio und erzählt dann, dass er den Kameramann Andi Widmer, den er von der Hochschule in Luzern her kannte, eines Tages angerufen und ihn gefragt habe, ob er nicht kurzfristig nach Buenos Aires kommen könne. Andi Widmer konnte, binnen einer Woche war er da, und während intensiver dreier Wochen im März/April 2013 wurde dann gedreht – ohne dass irgendeine Finanzierung gesichert gewesen wäre, «Rock-’n’-Roll-Dreh», nennt Gariglio das.

Dank der Albert-Koechlin-Stiftung

Eigentlich hatte er dann nach seiner Rückkehr in die Schweiz vor, im Sinne einer Langzeitbeobachtung in grösseren Abständen immer wieder nach Buenos Aires zurückzukehren und aus dem Material dann einen abendfüllenden Dokumentarfilm zu schaffen.

Dass die Geschichte dann aber eine tragische Wendung nahm – wie man gleich im Vorspann von «En La Boca» erfährt –, sei hier verraten, ansonsten aber: ein kurzer Dokumentarfilm, der unter die Haut geht. Und einer, der ohne die Luzerner Albert Koechlin Stiftung (die auch den Innerschweizer Filmpreis mitinitiiert hat und die ihn fortan im Zweijahresrhythmus unterstützen wird) nicht hätte verwirklicht werden können. Denn die Stiftung war es, die Matteo Gariglios riskantes cineastisches Projekt bereits zu einem frühen Zeitpunkt, nach seiner Rückkehr aus Buenos Aires, gefördert hat.

 

Programm der Innerschweizer Filmpreisnacht

Luzern Das Open-Air-Kino Luzern zeigt am Freitag, 11. August, unter dem Titel «Innerschweizer Filmpreisnacht» eine Auswahl von sechs Kurzfilmen – je drei Animations- und drei Kurzdokumentarfilme, die im vergangenen März mit dem neu geschaffenen Innerschweizer Filmpreis ausgezeichnet wurden.

Einer der sechs Filme – der Dokumentarfilm «Geislemacher» von Silvio Ketterer – ist thematisch ganz in der Innerschweiz verwurzelt und zeigt einen der letzten Handwerker, die in Schwyz Fuhrmannsgeisseln für das traditionelle «Geisle-Chlepfe» herstellen. Die drei kurzen Animationsfilme – «Ivan’s Need» von Veronica L. Montaño, Manuela Leuenberger und Lukas Suter, «Immersion» von Lalita Brunner und «Die Brücke über den Fluss» von Ladwiga Kowalska – wie auch die zwei anderen Dokumentarfilme – «Rakijada – Distillated Village Tales» und «En La Boca» – blicken weit in die Welt hinaus.

Die Absolventinnen und Absolventen der Hochschule Luzern – Design & Kunst werden alle an der Innerschweizer Filmpreisnacht anwesend sein.  Sie erzählen in ihren Werken von so unterschiedlichen Sujets wie einem etwas verrückten Bäcker («Ivan’s Need»), einem unheimlichen Hallenbad («Immersion»), einer Schnapsbrennerei in einem serbischen Dorf («Rakijada – Distillated Village Tales) – und schliesslich von einer Familie, die in Buenos Aires in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem weltbekannten Fussballstadion lebt («En La Boca», siehe nebenstehendes Porträt über den Regisseur, den 1986 in Luzern geborenen Matteo Gariglio).

HINWEIS

In der Stadtbibliothek Luzern, Löwenplatz 10 (Bourbaki), gibt es ab sofort noch eine begrenzte Anzahl Freikarten für die Vorführung am Freitag, 11. August (Patronat: Albert-Koechlin-Stiftung).


(gk)


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