Musikmagazin «Rolling Stone»: Ein Monument wankt

MEDIEN ⋅ Das legendäre amerikanische Musikmagazin «Rolling Stone» ist in Nöten. Grund dafür ist nicht nur die Krise in der Print-Branche, sondern auch ein dubioser Artikel über eine angebliche Vergewaltigung.
09. Oktober 2017, 08:12

Nick Joyce

Mit einem Startkapital von gerade einmal 7500 Dollar setzten Jan Wenner, damals ein Student der kalifornischen Berkeley-Universität, und Ralph J. Gleason, ein bereits etablierter Jazzkritiker, ihre Vorstellung eines neuen Musikmagazins im November 1967 in die Tat um. Als besagtes Magazin seine Büros 1977 von San Francisco nach New York verlagerte, war das «Rolling Stone» längst zu einer Marktmacht avanciert, die kein Musiker, Politiker oder Filmschauspieler zu ignorieren sich leisten konnte. Wer es auf das Cover dieses breit aufgestellten Kulturmagazins geschafft hatte, war im amerikanischen Mainstream angekommen.

Fünfzig Jahre später ist Wenner, inzwischen 71, immer noch Verleger des «Rolling Stone», zusammen mit seinem Sohn Gus. Er ist aber dabei, den Besitz des einstigen Sprachrohrs der Gegenkultur abzugeben. Wenner sucht nach Investoren. Er bekräftigt, dass sich an der Ausrichtung des «Rolling Stone» nichts ändern werde. Es wird sich zeigen, ob Wenner Recht behält. Einer der potenziellen Käufer soll das Medienhaus American Media sein, das Ramsch-Blätter wie das «National Enquirer» herausgibt; dessen Besitzer David Pecker ist ein prominenter Verbündeter von Donald Trump. Eine Machtübernahme durch American Media liesse sich kaum mit dem liberalen Kurs des «Rolling Stone» vereinbaren, schliesslich ist just die politische Einstellung des Blattes eines seiner Markenzeichen.

Wo Kultautoren sich einen Namen schufen

Würde das «Rolling Stone» in seiner bekannten Form verschwinden, verlöre die Medienlandschaft einen seiner wertvollsten Brands. Lange war das Rolling Stone (der Name spielt auf eine alte Blues-Nummer, die gleichnamige britische Band und den Bob-Dylan-Song «Like A Rolling Stone» an) ein Synonym für einen sorgfältig recherchierten, sprachlich hochstehenden und oft gar experimentell veranlagten Journalismus. Einige der grossen Namen des amerikanischen New Journalism machten sich beim «Rolling Stone» einen Namen. Hunter S. Thompsons «Angst und Schrecken in Las Vegas» (1971) und Tom Wolfes «Fegefeuer der Eitelkeiten» (1984/ 85) kamen zuerst als Serien im «Rolling Stone» zur Veröffentlichung. Zur Zugkraft des «Rolling Stone» trug neben der Qualität der Artikel die Schönheit seiner Titelseiten bei. Die kunstvollen Porträts von Annie Leibovitz, Herb Elis oder Anton Corbijn haben das öffentliche Image vieler ihrer Sujets definiert. Leibovitz’ Bild, in dem sich ein nackter John Lennon an eine lächelnde Yoko Ono schmiegt, gehört zu den denkwürdigsten Covers in der Geschichte des Magazins. Es entstand am 8. Dezember 1980, an jenem Tag also, an dem Lennon in New York ermordet wurde.

Doch mit dem Rock ’n’ Roll wurden auch die Journalisten und das Publikum älter. Als Reaktion auf eine schleichende Überalterung bei Schreibern und Lesern begann Jan Wenner nach der Jahrtausendwende Casting-Stars und Boybands auf seine Titelseite zu klatschen. Das kam beim Stammpublikum schlecht an, das Magazin verlor an Leserschaft – und das ausgerechnet in einer Zeit, wo Printmedien allgemein mit sinkenden Abonnementszahlen zu kämpfen anfingen.

Eine Profilsteigerung erlebte das «Rolling Stone» zwar Ende der 00er-Jahre dank einer beinharten politischen Berichterstattung mit teilweise weitreichenden Konsequenzen: Michael Hastings’ ungeschminktes Porträt von Stanley McChrystal, damals noch Oberbefehlshaber in Afghanistan, führte 2010 zu dessen ­Absetzung.

Studenten klagen auf Schadenersatz

Trotzdem kränkelt das «Rolling Stone». Grund dafür sind nicht nur die anhaltende Krise in der Print-Branche oder Fehlinvestitionen in fremde Titel. Auch kostspielige Gerichtsverfahren machen dem Blatt zu schaffen. Nach der Publikation eines journalistisch dubiosen Artikels über eine angebliche Gruppenvergewaltigung auf dem Campus der Universität von Virginia im Jahre 2014 gingen Rufmordklagen und Schadenersatzforderungen von Studenten und Fakultätsmitgliedern beim «Rolling Stone» ein. Einige der Verfahren sind noch hängig, das Renommee des Magazins ist aber schwer angeschlagen.

Verleger gibt sich ­optimistisch

Drei Jahre nach dem Virginia-Eklat hält das «Rolling Stone» wieder an hohen journalistischen Standards fest. Man würde es vermissen, könnte man nicht mehr darauf zählen, im «Rolling Stone» solche Spagate zwischen Reportage, Entertainment und Recherche zu lesen. Jan Wenner gibt sich zur Zukunft eines hochwertigen Print-Journalismus optimistisch. Er will nach dem Verkauf des «Rolling Stone» involviert bleiben. «Das Internet hat die Magazine ihrer Ressourcen beraubt, aber irgendwie kriegen wir ein neues funktionierendes Geschäftsmodell schon hin», zeigte er sich unlängst überzeugt. Man möchte ihm glauben, tut es aber nicht. Jan Wenner war immer schon ein brillanter Vermarkter der eigenen Überzeugungen. Wäre er das nicht, hätte das «Rolling Stone» die letzten 50 Jahre kaum überlebt.


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