Ein streitbarer Filmgott wird ironisch beleuchtet

KINO ⋅ Michel Hazanavicius konzentriert sich in seinem anspielungsreichen Spielfilm «Le redoutable» auf das Leben von Nouvelle-Vague-Regisseur Jean-Luc Godard. Es geht um das Ende der bewegten 1960er-Jahre.
07. Oktober 2017, 09:53

Der 1930 in Paris geborene Jean-Luc Godard gehört zu den Wegbereitern der Nouvelle Vague. Mit Filmen wie «A bout de souffle» oder «Le mépris» revolutionierte er die Filmsprache. Diese Meisterwerke und den Werdegang Godards spart Michel Hazanavicius, der sich bereits beim Stummfilm «The Artist» erfolgreich mit der Filmgeschichte auseinandersetzte, aber völlig aus. Er konzentriert sich auf die Jahre 1967/68, die einen Wendepunkt im Schaffen Godards darstellten.

Grundlage für «Le redoutable» sind die Memoiren «Un an après» der vor wenigen Tagen an einem Krebsleiden verstorbenen Anne Wiazemsky, weshalb die kurze Ehe Godards mit der damals 19-jährigen Hauptdarstellerin seines Films «La chinoise» im Zentrum steht. Ihre Beziehung ist der rote Faden, gleichzeitig bietet Hazanavicius aber auch Einblick in die politische Entwicklung Godards, in sein Engagement in der Studentenbewegung, seine Lösung vom klassischen Spielfilm und den Übergang zur Arbeit im Kollektiv mit der Gründung der Groupe Dziga Vertov.

Weder Verehrung noch Demontage

Hazanavicius erstarrt weder in Verehrung vor dem Kinogott, noch demontiert er ihn. Mit liebevoller Ironie zeichnet er ihn als streitbaren, widersprüchlichen und zerrissenen politischen Künstler. Der ruft mit seinem provokativen Auftreten nicht nur beim Bürgertum Widerspruch hervor, sondern stösst auch seine Anhänger und Weggefährten vor den Kopf.

Das lockere Spiel mit den Stilmitteln von Godards Filmen wie Kapitelgliederung, Inserts in knalligen Farben, abruptem Einsatz von schwarz-weissen Szenen und Negativbildern helfen mit, dass «Le redoutable» – dessen Titel sich auf die einsame Mission eines U-Boots in der Tiefsee bezieht – nie bierernst wird. Ganz im Stil des Meisters sprechen die Protagonisten auch direkt in die Kamera oder diskutieren selbstreflexiv über den Sinn von Nacktszenen, während sie selbst nackt sind. Nicht zu kurz kommen die für Godard typischen Debatten über das Verhältnis von Kino und Leben, über Politik und Revolution oder die Forderung, nicht politische Filme zu machen, sondern Filme politisch zu machen.

Running Gag um Godards Brille

Trotz dieser nur für Godard-Kenner verständlichen Anspielungen ist «Le redoutable» dank dem locker-ironischen Erzählton und einem starken Louis Garrel in der Hauptrolle auch für ein nicht eingeweihtes Publikum recht unterhaltsam. Zum Beispiel gibt es einen Running Gag um Godards Brille, die bei jedem Kontakt mit den Behörden zu Bruch geht.

Nachhaltig wirkt dieses tragikomische Porträt aber kaum, denn zu beliebig plätschern die Szenen dahin. Nichts wird vertieft oder betont, und letztlich hängt der Film auch durch die Fokussierung auf das Liebespaar in der Luft. Zu wenig plastisch wird der gesellschaftlich-historische Hintergrund, aus dem Jean-Luc Godards Wandel resultiert, herausgearbeitet; nie spürbar wird, wie brennend und drängend die hier geführten politischen Diskussionen damals waren.

 

Walter Gasperi

kultur

@luzernerzeitung.ch

«Le redoutable» läuft im Kino Bourbaki, Luzern.


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