Tupac – Ein wandelnder Widerspruch

KINO ⋅ Seit Donnerstag läuft der Spielfilm «All Eyez On Me» über den 1996 ermordeten Gangsta-Rapper Tupac ­Shakur im Kino. Auch Streamingdienste haben die Hip-Hop-Kultur für sich entdeckt.
18. Juni 2017, 08:19

Regina Grüter
regina.grueter@luzernerzeitung.ch

1986 erschien mit «6 In The Mornin’» des Hardcore-Rappers Ice-T der erste Song aus Compton, der das Genre des Gangster-Raps mitbegründete. Eine Hymne auf die Strasse – beherrscht von 600 Gangs, 7000 Mitgliedern. In L. A. seien nicht die DJs und MCs die Stars gewesen, sondern die Gangleader, Gauner und Gangster, sagt Ice-T. Sie hätten damals keinen eigenen Sound gehabt. Nicht wie New York City.

Anfang der 1980er-Jahre, als «Crack vom Himmel fiel» über den Grossstadt-Ghettos der USA, bewies sich Run-DMC mit «It’s Like That» (1984) in der Ostküstenmetropole als authentische Hip-Hop-Band. Durch deren Kleidungsstil eröffnete sich für den Sportartikelhersteller Adidas ein ganz neuer Markt. Auch in South Central Los Angeles geriet die Dynamik im Quartier mit der Droge aus dem Gleichgewicht. «Boyz-n-the Hood» war Ice Cubes Antwort auf Ice-T, seine Version von L. A. – und Eazy-E’s erster für N.W.A. interpretierter Song. Aufgenommen 1986, wurde die Geschichte über das Leben im Ghetto von Crenshaw, Los Angeles, 1991 unter der Regie von John Singleton zum gleichnamigen Kinofilm. Darin spielt Ice Cube die Rolle des Doughboy – eine der vielfältigen Verknüpfungen von Hip-Hop und Kino.

Musik, die ­ etwas bedeutet

Es ging aber nicht nur um die Zeichnung einer schwarzen Ghetto-Realität, sondern auch darum, Erfahrungen weiterzugeben. In New York schrieben Public Enemy den Protestsong schlechthin. «Fight The Power», für immer fest mit Spike Lees Spielfilm «Do The Right Thing» (1989) verknüpft, war gegen das Establishment gerichtet, das an den bestehenden Ungerechtigkeiten festhielt. Die Texte beruhten auf Erfahrungen der 1960er- und 1970er-Jahre; darauf, dass auf Schwarze herabgesehen wurde. Public Enemy wollten Musik machen, die etwas bedeutet. Sie wollten Macht und Frieden. Und sie wollten ihre eigenen Helden. Die MCs sagten das, was die Jungen dachten, sich aber nicht zu sagen trauten. Der Widerstand hatte Eingang in die Rapmusik und die Hip-Hop-Kultur als solche gefunden.

Stärke und Stolz, das war es auch, was Tupac Shakur (1971–1996) den Schwarzen vermitteln wollte. Und Rapper, die in ihren Texten Dinge sagten, die die Politik nicht hören wollte, standen auf der schwarzen Liste – im Falle von Tupac ging das bis hinauf zum damaligen Vizepräsidenten Dan Quayle, der Tupacs Débutalbum «2Pac­alypse Now» als «Bedrohung für die Gesellschaft» bezeichnete. Das FBI-File des Rappers war 4000 Seiten lang. Nur, spätestens seit N.W.A., den Niggaz Wit Attitudes, war auch die weisse Jugend angezogen vom Gangsta-Rap der Westküste.

N.W.A.s 1988er-Album «Straight Outta Compton» (2015 wurde die Geschichte von N.W.A. unter gleichnamigem Titel verfilmt) handelte von der Unterdrückung, die der junge schwarze Mann in den Strassen erfuhr. Polizeibrutalität, Armut und Gangmitglieder, die sich gegenseitig umbrachten, gehörten in South Central L. A. zum Alltag. Der Song «Fuck Tha Police» war Ausdruck einer Ungleichbehandlung. Was der bedeutende afroamerikanische Schriftsteller und Intellektuelle James Baldwin (1924–1987) in den 1940er-Jahren in den Strassen von New York City erlebte, galt Ende der 1980er-Jahre auf der anderen Seite des Kontinents noch genauso: Ein schwarzer Mann in Begleitung einer weissen Frau wurde, wenn nicht als Zuhälter, so zumindest als Bedrohung betrachtet. Der oscarnominierte Dokumentarfilm «I Am Not Your Negro» (2016) von Raoul Peck erzählt anhand von Baldwins unvollendetem Manuskript «Remember This House» die Geschichte des Rassismus in den USA. «Die konkrete Gefahr, die von jedem Cop, jedem Boss ausging», ist der Aspekt, der alle vereint, die die bestehenden Verhältnisse nicht weiter tatenlos hinnehmen wollen – ob Bürgerrechtler oder Intellektueller, Filmemacher oder Gangster-Rapper.

Anklage und ­ Selbstkritik

Tupac Amaru Shakur wurde mit der Ideologie der Black Panther sozialisiert. Seine Mutter und sein leiblicher Vater gehörten der revolutionären sozialistischen Bewegung an, die für einen bewaffneten Widerstand eintrat. Geboren am 16. Juni 1971 als Lesane Parish Crooks in Harlem, New York City, verdankt Tupac seinen Namen einem Inka, der sich im 18. Jahrhundert gegen die spanischen Eroberer auflehnte.

Der Rapper Tupac war furchtlos, der Mensch Tupac war es nicht. Seine sensible Seite zeigt sich in seinen Texten genauso wie der Macho-Gangster-Rapper. Er ist ein Beispiel dafür, wie Geld und die damit verbundene Macht korrumpieren oder zumindest in eine ebenso sinnlose wie lächerliche Fehde wie den East Coast vs. West Coast Beef gegen The Notorious B.I.G. führen können. Neid, Missgunst und falscher Stolz gehören genauso zum Gangsta-Rap wie die Anklage – und Selbstkritik. Diesen Widerspruch konnte Tupac Shakur zeitlebens nicht auflösen. Tupac war stolz auf sein Thug Life, sein Gangsterleben. Für den Rapper ist es das Akronym für «The Hate U Give Little Infants Fucks Everyone». Es ist dieser institutionalisierte Hass, den er manchmal gewillt war zu durchbrechen, um ihn bald darauf wieder zu zementieren.

«All Eyez On Me» war Tupacs Reaktion auf den Zwist innerhalb der Rap-Community. «Niggas Can’t Stand Me», rappte er im Song des gleichnamigen Albums aus dem Jahr 1996, seinem Todesjahr, und verlieh damit einer Angst, aber auch einer Wehmut Ausdruck. Ein gutes halbes Jahr später war er tot.

Beitrag zur ­Bewusstseinsbildung

Der afroamerikanische Film (siehe Box) boomt erstmals wieder seit dem New Black Cinema, das Mitte der 1990er-Jahre in ein New Black Hollywood überging. Wie die Hip-Hop-Bewegung – Musik, Graffiti-Kunst, Kleidungsstil – waren auch der filmische Ausdruck dieser Kultur und andere Themen der schwarzen Minderheit im Mainstream angekommen.

Sind Apathie und Ignoranz Ursache für die Angst auf der einen, die Wut auf der anderen Seite und somit die Wurzel für den Hass, leistet die Hip-Hop-Kultur seit 1971, Shakurs Geburtsjahr, ihren Beitrag zur Bewusst­seinsbildung, der Film seit gut ­ 30 Jahren. Davor gab es für Schwarze nicht viel mehr als klischierte Rollen, Blaxploitation eingeschlossen.

Vom schwarzen Amerika

Filme/Serien. Subtil und intelligent zeigt der Oscar-Sieger Moonlight das schwarze, unterprivilegierte Miami, die Horrorkomödie Get Out den Wahnsinn, den einen Afroamerikaner in der weissen Vorstadt erwartet.

Netflix widmet sich mit gleich zwei Serien dem Hip-Hop: Von den Anfängen 1971 im New Yorker Stadtteil Bronx bis zur Geburt des Gangsta-Raps Mitte der 80er-Jahre in South Central, Los Angeles, dokumentiert Hip-Hop Evolution die Geschichte des Musikstils.

The Get Down handelt von einer Gruppe Teenagern Ende der 1970er-Jahre in der Bronx. Vom Aufstieg zweier Cousins in der Rapszene erzählt die FX-Serie Atlanta – von und mit Donald Glover alias Childish Gambino. (reg)

Filmbesprechung

Das Verhältnis zur Mutter, die fehlende Vaterfigur und die diversen Umzüge sind prägend für den sensiblen, künstlerisch begabten Tupac Shakur, der sich in den Ghettos von Oakland «radikalisiert». Der konventionell angelegte Spielfilm «All Eyez On Me» über den Rapstar und Schauspieler überzeugt über weite Strecken.

Hauptdarsteller Demetrius Shipp Jr. macht die innere Zerrissenheit plausibel, auch wenn zu Gunsten von Pathos und Melodramatik das eine oder andere weggelassen wurde. Zu lang geriet der letzte Teil um Death Row Records und seinen mythenumrankten Tod.

Insgesamt hat man das Gefühl, dass für den Feinschliff zu wenig Zeit war – am 16. Juni wäre Shakur 46 Jahre alt geworden. (reg)
«All Eyez On Me», jetzt im Kino.

Video: All Eyez On Me - Trailer

Biopic über Tupac Shakur, von Benny Boom. Kinostart: Donnerstag, 15. Juni 2017. (youtube.com, 16.06.2017)




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