Eine Blues-Nacht der alten Damen und Herren

LUCERNE BLUES FESTIVAL ⋅ Beim Blues ist weniger mehr. Das hat der Donnerstagabend im Casino deutlich gezeigt. Unter den vielen ­ Virtuosen überzeugten diejenigen am meisten, bei denen die Musik die Zügel in der Hand hatte, und nicht die Show.
18. November 2017, 10:05

Diese alten, schönen Gesichter! Der Blues hat darin seine Spuren hinterlassen. Wenn Cookie Mc­Gee und Birdlegg von Schmerz, harter Arbeit und unglücklicher Liebe singen, glaubt man ihnen. Es kommt aus ihrem tiefsten Inneren.

Aber Freud und Leid liegen beim Blues, wie im Leben, nah zusammen. Wie viel Freude Cookie McGee die Musik und die Anerkennung des zahlreich erschienenen Publikums bringt, sieht man am Leuchten ihrer Augen. Sie streichelt die Gitarre nicht, diese bekommt die Emotionen unmittelbar zu spüren. Und was dabei entsteht, ist der Eindruck, dass Künstlerin und Instrument zusammen verschmelzen.

Ähnlich beim 70-jährigen Birdlegg, der mit seiner Blues Harp in einen Dialog tritt. Ansonsten springt er wie ein Pingpong-Bällchen auf der Bühne herum und schwitzt sich die Seele aus dem Leib. «Es könnte der Bruder von Chuck Berry sein», raunt der Kollege. «Always with the heart» gibt er mit auf den Weg und fasst sich dabei ans Herz. Eine simple Geste, die sehr ernst gemeint ist. Zusammen mit den Eastside Kings heizten McGee und Birdlegg zum ersten Mal so richtig ein an diesem Donnerstagabend am Blues Festival. Genau deshalb, um Blues in Reinform zu hören – schnörkellos, authentisch – sind die Leute gekommen.

Soul und Funk, ­ Rock und Reggae

Sie stehe für Liebe, Freiheit und Frieden, sagt Annika Chambers. Nicht ihren ersten Auftritt am diesjährigen Blues Festival, aber einen guten, hat die Sängerin aus Houston, Texas, flankiert von der Igor Prado Band aus Brasilien. Das ist erst mal Soul, das ist Funk und wenig Blues und wird sogar noch rockig mit CCR. Die Frau ist in jeder Hinsicht eine gewaltige Erscheinung und hat ein Stimmorgan und genug Sex-Appeal, um den Panoramasaal im Casino bis in die hinterste Ecke, dort, wo die Tischchen stehen, zu füllen. Aber am besten ist sie, wenn ein Song von ihr verlangt, richtig in sich zu gehen; wenn sie Blues singt, verändert sich ihr Gesichtsausdruck, und es zeigen sich echte Emotionen anstelle der fröhlichen Fassade. Aber ja, die Igor Prado Band ist eine Feel-good-Band mit einem Bandleader, der auf Showelemente setzt. Umwerfend ist der virtuose Keyboarder mit seiner ansteckenden Spielfreude.

Ein Schlagzeuger, ­ der auch singt

Auch Annika Chambers Cover zum Schluss – Birdlegg gab «Get On Up» von James Brown zum Besten – zündet nicht so richtig: Tina Turners «Proud Mary» in Slow Motion. Besser gelingt das Grady Champion und seiner Band. Mit dem Song «Shake Your Money Maker» von Elmore James versprüht der dritte Hauptact auf der Bühne im Panoramasaal einen Hauch Rock ’n’ Roll. Die Band hat Drive. Champions Stimme ist nicht ausserordentlich, aber er, der Rapper, DJ und Boxer war, ist Showman durch und durch. Ein bisschen ganz und gar, so dass seine Ausflüge in die Menge die Songs unnötig in die Länge ziehen. Ein bisschen weniger Drumherum wäre mehr gewesen.

In dieser Hinsicht war Big Joe Maher der Meister der Reduktion. Zusammen mit seinem Freund Anson Funderburgh und dessen Rockets beschloss er die Nacht mit einem stupenden Auftritt im Casineum. Man stelle sich vor, ein 53 Jahre alter, beleibter Mann sitzt hinter seinem Schlagzeug – er macht fast alles aus dem Handgelenk. Er lächelt schelmisch wie ein Schulbub, wenn er ganz aufmerksam dem Spiel seiner Bandkollegen lauscht und die stummen Anweisungen des Leaders aufnimmt. Setzt er aber zu einem eigenen Song an, muss er nicht mehr aufmerksam sein, sondern es nur aus sich herauslassen. Das ist echt berührend.

Alle können ­ die Musik fühlen

Es war eine Nacht der positiven Botschaften, die alle von Herzen zu kommen schienen. Und es war eine Nacht der alten Damen und Herren, die gezeigt haben: Man kann zwar lernen, den Blues zu spielen, aber richtig gut ist man nur dann, wenn man ihn lebt.

 

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Das Lucerne Blues Festival dauert noch bis morgen Sonntag. Weitere Infos: www.bluesfestival.ch.

Anzeige: