Klaudia Schifferle stellt im Akku Emmen aus

AUSSTELLUNG ⋅ Im Akku Emmen ist Klaudia Schifferle nach acht Jahren wieder in einer grösseren Einzelschau zu sehen. Sie präsentiert neue, bunte Gemälde aus Acryllack und Skulpturen zwischen Figur und Ding.
08. Februar 2018, 07:39

Deborah Keller

kultur@luzernerzeitung.ch

Schon öfters hat Klaudia Schifferle zum Schlendern in weitläufigen Gefilden eingeladen: «Unterwegs» hiess ihre Einzelausstellung im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen 1992, «Weltenbummlerin» die Schau im Centre PasquArt in Biel von 2004, und jene im Helmhaus in Zürich kündigte sich 2010 als «sumsum im Universum» an. Die leichtfüssigen Titel vereinten Malereien, Skulpturen und Zeichnungen, die in Schifferles typischer technischer wie stilistischer Vielfalt vom Ringen des menschlichen Daseins erzählten – manchmal verstörend, manchmal versöhnlich, zuweilen augenzwinkernd, oft nachdenklich poetisch.

Ein wenig überrascht es, dass sie in ihrer neuen Ausstellung «Spaziergang im Übermorgen» im Akku Emmen die angedeutete, gemütliche Unbekümmertheit tatsächlich einlöst: Schifferle präsentiert erstmals neue Acryllackbilder aus den letzten fünf Jahren, die bunt, dynamisch und schmuck daherkommen. «Im Moment bin ich in einer befreiten und freudvollen, experimentierfreudigen Phase gelandet, welche ich sehr geniesse», so die Künstlerin.

Gründerin einer Frauenpunkband

Die Metapher des Unterwegsseins passt zum Leben und Schaffen der gebürtigen Schwamendingerin Schifferle: Nicht nur wagt sich die 62-Jährige in ihrem bildnerischen Werk oft zu neuen Ansätzen vor, sie ist auch in anderen künstlerischen Gattungen bewandert. Die Frauenpunkband Kleenex (später umbenannt in Liliput), die sie 1978 mitbegründete und bis zur Auflösung 1983 am Bass «fundierte», erregte hierzulande wie international Aufsehen.

Des Weiteren hat Schifferle verschiedene Prosa- und Gedichtbände publiziert: Ihre Affinität für Sprache klingt in den Werk- und Ausstellungstiteln stets mit an. Die äusseren Wege führten die Künstlerin, 1972 jüngste Teilnehmerin der Documenta 7, ins urbane Mailand der späten 1980er, dann für längere Zeit in die Tessiner Abgeschiedenheit und erst 2002 zurück nach Zürich.

Hier und heute ist sie also beim Acryllack angelangt, den sie schon in früheren Werkphasen nutzte, nun aber spielerischer einsetzt: Er wird auf die flach liegende, weiss oder seltener schwarz grundierte Leinwand gegossen, die Künstlerin ist Choreografin des fliessenden Zufalls. Die Resultate erinnern an Satellitenbilder, die Welt von weit weg gesehen. «Das sind für mich eher zukünftige Landschaftsansichten», sagt Schifferle, solche, die zu unserer schnelllebigen Zeit passen, «wo wir immer schon im Übermorgen sind», und für die das Spazieren eigentlich zu langsam sei. Doch auch Schnitte durch geologische Schichten meint man in der bewegten Buntheit des Lacks zu sehen, das kitschige Wolkengefüge eines Abendhimmels, Mickey Mouse oder organische Zellstrukturen.

Formfindungen im Zwischenbereich

Diesen farbstarken Möglichkeitsbildern stellt Schifferle im Akku eine Gruppe von ebenfalls neueren Skulpturen gegenüber, die wie Kissen für den träumenden Kopf, wie drollige Kuscheltiere wirken. Die zumeist hellen, amorphen Objekte aus Gips oder Beton scheinen die Weichheit ihrer aus Plastiktuch frei zusammengenähten Gussform bewahrt zu haben und nähern sich zuweilen einer Figürlichkeit an. Wo das passiert, erhalten die abgedruckten Nähte fast narbenähnliche Qualität.

Zudem sind «Paperdolls» zu sehen, eine Werkreihe, in der Schifferle ab 2012 das Prinzip der Collage malerisch umsetzte. Aus Zeitschriftenschnipseln kreierte sie groteske, unproportionierte Figuren, die mal grimmig, mal unbeholfen, charmant oder komisch dreinschauen. Anschliessend in einem stattlichen Format von 60 cm Höhe in Öl detailgetreu abgemalt, erhalten die wunderlichen Kreaturen mit ihren prothesenhaften Gliedern unbedingte Daseinsberechtigung.

Wer den Rundgang im Kabinett beim Treppenaufgang beendet, trifft auf eine noch sonderbarere, mannshohe Gestalt, die als Skulptur auf surrealistische Art Menschliches und Dingliches, Körperhaftes und Verschwindendes, Männliches und Weibliches vereint: Aus klobigen, gipsweissen Stilettos ragen zwei dürre Beine auf, die in der Hüftgegend mit einem ebenfalls eingegipsten Spazierstock verschmelzen.

Da ist sie wieder, die Klaudia Schifferle, die überrascht, weil sie sich nicht auf einen Werktypus oder Stil festlegen lässt. Bei ihr scheint gleichzeitig vieles möglich, konstant bleibt allein das Unterwegssein. So heisst denn auch die eigenwillige Stecken- figur, die man nach anfänglichem Zögern unweigerlich ins Herz schliesst, wie die Ausstellung: «Spaziergang im Übermorgen».

Hinweis

Ausstellung im Akku Emmen bis 25. März; www.akku-emmen.ch

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