Eine Fussballhymne bewegt weltweit

KINO ⋅ Mit «You’ll Never Walk Alone» wird die Geschichte einer Hymne erzählt, die den Weg aus einem Theaterstück bis in die grossen Fussballstadien fand. Eine Story, die nicht nur Fans berührt.
17. Juni 2017, 04:39

René Barmettler

rene.barmettler@luzernerzeitung.ch

Es ist die Fussballhymne schlechthin: «You’ll Never Walk Alone» wird im Celtic Park von Glasgow, in Dortmund, in Tokio, aber vor allem in Liverpool vor den Spielen intoniert. Wer einmal miterlebt hat, wie an der Anfield Road das Lied mit Inbrunst gesungen wird, vergisst die Gänsehautstimmung sein Leben lang nicht mehr. Der deutsche Regisseur André Schäfer zeigt die bewegte Geschichte des Songs, als Erzähler wirkt Schauspieler Joachim Król, ein grosser Borussia-Dortmund-Fan.

Inhaltlich hat «You’ll Never Walk Alone» nicht direkt mit Fussball zu tun. «Wenn du durch einen Sturm gehst, halte deinen Kopf oben und fürchte dich nicht vor der Dunkelheit. Am Ende des Sturms ist ein goldener Himmel und das süsse, silberhelle Lied einer Lerche», lautet die erste Strophe. Es ist ein trauriges Lied, das erst am Ende Hoffnung vermittelt. «Walk on, walk on!» ist die Aufforderung, immer weiterzugehen, denn «du wirst auf deinem Weg nie allein sein».

Anfänge in Budapest und am Broadway

Die Hymne hat ihre Wurzeln in Budapest zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dort nämlich schrieb 1909 (im Jahr, als in Dortmund die Borussia gegründet wurde) der damals weltberühmte Autor Ferenc Molnár das Theaterstück «Liliom», das die Erlebnisse eines Budapester Karussell-Ausrufers zeigt. Obwohl die Uraufführung bei Publikum und Kritik durchfiel, folgten nach der deutschsprachigen Erstaufführung in Wien Inszenierungen an vielen deutschsprachigen Theatern. «Liliom» wurde 1934 von Fritz Lang verfilmt und diente 1945 Richard Rodgers (Musik) und Oscar Hammerstein II (Texte) als Vorlage für das erfolgreiche Broadway-Musical «Carousel», wo der Song «You Never Walk Alone» erstmals erklang.

Der nicht religiöse ungarische Jude Molnár floh 1937 vor den Nazis in die Schweiz und 1940 nach New York. «Carousel» wollte er erst verhindern, liess sich dann aber auch wegen seiner klammen finanziellen Lage umstimmen. Das Musical wurde 1956 verfilmt. Gordon MacRae spielte die Hauptrolle anstelle von Frank Sinatra, der die Flucht ergriffen hatte, als er erfuhr, dass der Film für die Normal- und Breitleinwand zwei Mal gedreht werden sollte.

Mit dem Song werden auch tote Fans betrauert

Ab 1963 fand «You’ll Never Walk Alone» den Weg in die Fussballstadien. In der Beatles-Stadt Liverpool überredete Gerry Marsden, der Frontmann der Liverpooler Band Gerry and the Pacemakers, seinen sich sträubenden Produzenten, den Song aufzunehmen. Es wurde zum Nummer-eins-Hit in Grossbritannien. Der Song wurde so lange an der Anfield Road gespielt, wie er sich in den Top 10 halten konnte. Gegen die Absetzung rebellierten die Fans: 54 Jahre später wird dieses Lied noch immer verehrt.

Neben Grössen wie Gerry Marsden, Liverpool-Trainer Jürgen Klopp, Tote-Hosen-Sänger Campino oder Dirigent Thomas Hengelbrock kommen auch zwei Augenzeugen der Hillsborough-Katastrophe von 1989 zu Wort, die noch immer sichtlich bewegt sind von der Tragödie, die 96 tote und 766 verletzte Liverpool-Fans forderte. Nach 27 Jahren wurden die nachweislich falsch angeschuldigten Liverpool-Fans rehabilitiert, die Polizei sah sich gezwungen, ihre gravierenden Fehler endlich zuzugeben. «You’ll Never Walk Alone» ist auch ein Stück, mit dem die Fussballfans ihre Toten betrauern.

Das dank seiner Worte und seiner eingängigen Melodie zu Herzen gehende Lied ist längst globales Kulturgut. Höchste Zeit, dass es in diesem wunderbaren Dok-Film auch in die Kinosäle kommt. 

Hinweis: «You’ll Never Walk Alone» läuft im Kino Bourbaki Luzern.

Video: You'll never walk alone

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