Margaret Atwood – Eine genaue Beobachterin von Widersprüchen

LITERATUR ⋅ Margaret Atwood erhält den renommierten Friedenspreis der deutschen Buchbranche für ihr unermüdliches Engagement. Ihr neustes Buch dreht sich um ein Theaterstück in einem Theaterstück.
14. Juni 2017, 04:39

Margaret Atwoods Bücher werden weltweit gelesen – jetzt ehrt die deutsche Buchbranche die Autorin mit dem renommierten Friedenspreis. Es ist auch ein deutliches Signal für das politische Engagement der Kanadierin. Die 77-Jährige gehöre zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit und beweise in ihrem Werk «immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen», begründete der Börsenverein des Buchhandels die renommierte Auszeichnung.

Atwood, deren Bücher in mehr als 30 Sprachen erschienen sind, gilt als erfolgreichste Autorin Kanadas. Sie hat Romane, Kurzgeschichten, Essays, Theaterstücke, Drehbücher und Kinderbücher geschrieben. Darin setzt sich Atwood auch intensiv mit gesellschaftspolitischen Fragen auseinander.

«Wie leicht Normalität ins Unmenschliche kippt»

«Humanität, Gerechtigkeits­streben und Toleranz prägen die Haltung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Menschenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie literarisch eindringlich formuliert», würdigte der Dachverband der deutschen Buchbranche die vielfach ausgezeichnete Autorin weiter. «Indem sie menschliche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht Normalität ins Unmenschliche kippen kann.»

Einer grossen Öffentlichkeit bekannt wurde Atwood 1985 mit ihrem utopischen Roman «Der Report der Magd». Darin beschreibt sie in der Tradition George Orwells eine totalitäre Gesellschaft, in der Frauen als Gebärmaschinen benutzt und unterdrückt werden. In ihrer Endzeit-Trilogie «Oryx und Crake» (2003), «Das Jahr der Flut» (2009) und «Die Geschichte von Zeb» (2013) entwirft sie angesichts der ökologischen Probleme eine postapokalyptische Welt.

Kampf gegen die Zensur

Mit der Finanzkrise hat sich Atwood in ihrem Essay «Payback. Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands» beschäftigt. Gemeinsam mit Salman Rushdie führt Atwood seit Mai dieses Jahres eine Kampagne des Schriftstellerverbands PEN International an, die verfolgten und von Zensur bedrohten Autoren grössere Aufmerksamkeit geben will.

Auf Deutsch erschien zuletzt ihr Roman «Hexensaat». Eine Auftragsarbeit: Acht namhafte Autoren sollen je ein Shakespeare-Drama nacherzählen. Atwood hat sich dabei an den «Sturm» gemacht und erzählt eine Geschichte über ein Theaterstück in einem Theaterstück.

Sie stellt zwei Inszenierungen des Dramas ins Zentrum ihrer Geschichte mit dem Regisseur Felix als Hauptfigur, der zugleich Shakespeares Hauptfigur Prospero im «Sturm» sein soll.

Klingt kompliziert? Ist es mit dieser Figur aber nicht: Felix sieht sich bei der ersten Inszenierung fies von seinem karrierebewussten Assistenten Tony ausgetrickst und abserviert ins Nichts. So wie Prospero bei Shakespeare als Herzog von Mailand vom machthungrigen Bruder Antonio auf eine einsame Insel vertrieben wird. Prospero schafft am Ende zusammen mit seiner Tochter Miranda und einem magischen Trick die Rückkehr.

Bei Atwood verbringt Felix zwölf Jahre als Einsiedler und hält Zwiesprache mit seiner schon toten Tochter Miranda. Er glaubt, er könne Miranda durch Regiearbeit wieder ins Leben zurückholen. Die Chance darauf, auf ein Comeback und auf Rache an Tony bietet sich als Regisseur von Amateurschauspielern im Knast.

Ein Riesenspass erwartet alle und auch den Leser, als der inzwischen zum Minister aufgestiegene Ex-Assistent Tony samt Anhang zur Premiere erscheint. Die Herrschaften werden vom Regisseur Felix mit allerlei Theatertricks sowie unfreiwilliger, massiver Drogeneinnahme in die Knie gezwungen. Die Magie unserer Tage.

sda

Anzeige: