«Tune In» im Südpol – eine multimediale Verführung

LUZERN ⋅ «Tune In» heisst das multimediale Tanzprojekt der Luzerner Kompagnie um Irina Lorez im Südpol, in das man sich auch als Zuschauer gerne einschaltet.
07. Dezember 2017, 07:49

Edith Arnold

kultur@luzernerzeitung.ch

Das Check-in erfolgt durch die Kamera auf dem Bühnenboden. I-Fen Lin und Emma Skyllbäck, später auch Irina Lorez setzen sich davor, werden aufgenommen und in Umlauf gebracht: Ihre Körper erscheinen fast in Echtzeit überdimensional auf dem runden Hintergrund. Dazu werden einzelne Töne in den Raum katapultiert. Zunächst noch minimalistisch, verdichten sie sich bald zu einer Klangsphäre, der man sich kaum entziehen mag.

Von Beginn weg sind die Zuhörer respektive Zuschauer mittendrin. Die Südpol-Halle, dunkel wie das Weltall, zeigt sich nämlich als geteiltes Ganzes: die Zuschauerstühle bilden mit dem Fadenvorhang auf der Bühne eine Ellipse. Von zwei «Cockpits» am Rand aus wirken Domenico Ferrari aus Zürich (Musik) und Kevin Graber aus Luzern (Video). Ihre Live-Acts machen die Tanzproduktion der Luzerner Irina Lorez & Co. besonders eindringlich.

Senden und empfangen

Die Kompagnie findet mit dem Kommunikationswissenschafter Paul Watzlawick, man könne nicht nicht kommunizieren. Oder im Umkehrschluss: Alles ist Kommunikation. Bei «Tune In» soll es nun darum gehen, sich auf eine gemeinsame Frequenz einzustimmen. Gerade wenn die Performerinnen mehr komplementär als symmetrisch zum Ausdruck kommen: eine ätherische Irina Lorez mit plissiertem Rock, Blumenhemd und Schnürboots, eine bodenständige I-Fen Lin mit funktionalem Einteiler und Sneakers, eine wilde Emma Skyllbäck mit roter Haarmähne und roten Gummistiefeln (Kostüme: Nic Tillein).

Zunächst sind die Tänze­rinnen ganz mit sich in ihrer ­«Bubble» beschäftigt. Sie geben sich der Schwerkraft hin oder ­arten aus wie Skyllbäck, von der man zwischendurch nur noch feurige Streifen sieht. Töne und Visuals mögen dazu stimulieren: Die drei Frauen werden aufeinander aufmerksam.

Sie finden zu einer Mitte, auch physisch. Wie aus einer Spirale heraus bewegen sie sich im Kreis. Ihre projizierten Alter Egos drehen sich dazu auf dem magischen Vorhang mit (Licht/Bühne: Michael Eigenmann aus Zug). Die hypnotischen Muster ziehen in den Bann.

Der Fadenvorhang hat es in sich: Er schluckt Menschen und «spukt» sie aus, er zeigt sich ­ in romantischem oder metallischem Licht, manchmal scheint er sich sogar zur Musik zu bewegen. Jetzt leuchten sieben LED-Scheinwerfer wie Farbkristalle durch die Fäden. Disco-Sound ertönt. Die Tänzerinnen bewegen sich synchron, alles schön im Gleichschritt.

Andere Perspektiven werden eingenommen

Doch der Einklang hält nicht auf ewig. Das wäre langweilig. Auf einmal löst sich die Harmonie. Die Performerinnen driften wieder auseinander. Sie versuchen sich neu zu positionieren, nehmen andere Perspektiven ein: Eine schnappt sich den Beamer neben der Kamera auf dem Boden und spottet damit eine Kollegin.

Dann ergreift diese die Initiative und verfolgt via Lichtstrahl die anderen. So entstehen kunstvolle, anregende Momente. Die nonverbalen Szenen sagen mehr aus als die vielen Worte, die Irina Lorez bei früheren «I-Guitar-Songlines»-Produktionen verlautete.

Einlullende fünfzig Minuten

Interessant wäre gewesen, wie sich die jungen Profitänzer, die unter den Zuschauern sassen, zur atmosphärischen Musik bewegt hätten. Zwischendurch hätte man sich gewünscht, die drei Frauen hätten ihre Körperdynamik noch etwas mehr aufgedreht. Andererseits wurde das Tanzprojekt im Vorfeld als «performa­tiver Akt des Lauschens» angepriesen.

So oder so: «Tune In» lullt während 50 Minuten ein. Das Stück ist eine Verführung – multimedial, zeitgenössisch, ästhetisch.

Hinweis

«Tune In» im Luzerner Südpol: weitere Vorstellungen am 7., 8. und 9. Dezember. Tickets und Infos: www.sudpol.ch und www.irinalorez.ch

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