Eine Stimme für Toleranz

SOLOTHURNER FILMTAGE ⋅ Am Donnerstag beginnt die traditionelle Werkschau des Schweizer Films. Nominiert für den Prix de Soleure ist auch «Mario», der neue Spielfilm von Marcel Gisler, der keine Angst hat vor grossen Gefühlen.
21. Januar 2018, 08:19

Geri Krebs

 

Drei Jahre sind vergangen seit Marcel Gisler mit «Electroboy», der Lebens- und Familiengeschichte des Webpioniers, Models und Partyveranstalters Florian Burkhardt, Furore machte. Für diesen Dokumentarfilm – den ersten und bisher einzigen in seiner langen Filmografie – erhielt der 1960 in Altstätten geborene Regisseur 2015 den Schweizer Filmpreis. Nur ein Jahr davor hatte Marcel Gisler mit dem Spielfilm «Rosie» grosse Erfolge gefeiert, jenem im St. Galler Rheintal spielenden Drama um eine eigenwillige alte Dame und ihren sich in einer Lebenskrise befindlichen homosexuellen Sohn. Der Film hatte 2013 die Solothurner Filmtage eröffnet und avancierte danach auch in den Kinos zu einem Publikumsliebling. Und jetzt feiert an den Solothurner Filmtagen bereits wieder ein Spielfilm von Marcel Gisler seine Weltpremiere, ist als einer von neun Titeln für den Prix de Soleure nominiert: «Mario». Die Hauptrolle in diesem Schwulen-Liebesdrama aus dem Fussballermilieu spielt Max Hubacher, der 24-jährige Berner Schauspieler, der, seit er zu Beginn dieses Jahrzehnts als «Verdingbub» reüssierte, zu einem der gefragtesten Schweizer Charakterdarsteller avanciert ist.

«Beim Schreiben für Serien lernt man erzählen»

Dass man Marcel Gislers derzeitige Produktivität so speziell betont, ist nicht ohne Grund: 14 Jahre liegen zwischen «Rosie» und seinem vorherigen Kinofilm, der Literaturverfilmung «F. est un salaud». Jene fulminante Liebesgeschichte zwischen einem älteren Rockmusiker und seinem blutjungen Verehrer hatte 1999 noch den Schweizer Filmpreis als bester Spielfilm erhalten. Doch danach war Schluss, für lange Zeit. «Ja, ja, diese alte Geschichte», lacht Marcel Gisler, erzählt dann, wie er bald nach diesem Erfolg in ein tiefes Loch gefallen sei, psychisch und physisch. Er habe lange gebraucht, bis er aus dem Tief herausgefunden habe, und als er endlich ein neues Projekt bei den Förderstellen einreichte, wurde es abgelehnt. Daraufhin kehrte er 2003 Berlin für eine Weile den Rücken, wo er seit 1981 lebt und wo er zwischen 1985 und 1993 bereits drei erfolgreiche Spielfilme («Tagediebe», «Schlaflose Nächte», «Die blaue Stunde») realisiert hatte. Er nahm beim Schweizer Fernsehen einen Job an – als Drehbuchautor. Man suchte dort Verstärkung im Autorenteam der Erfolgsserie «Lüthy & Blanc». Gisler stieg bei Folge 155 ein und schrieb bis 2007 die Drehbücher für 35 Folgen. «Es war anstrengend, aber gut bezahlt, und man lernt wirklich Erzählen beim Schreiben für Serien», sagt er und ist überzeugt, dass ihm jene Erfahrung für seine Arbeit als unabhängiger Filmautor sehr geholfen hat. Sein neuer Film «Mario» zeigt eindrücklich Marcel Gislers Erzählkunst, seinen Sinn für dramatische Spannungsbögen, eine Qualität, die man sonst öfters vermisst in einheimischen Spielfilmen.

Und Gisler hat keine Angst vor grossen Gefühlen und er weiss sie in Dialoge zu fassen, die keinen Moment peinlich wirken. Seit «F. est un salaud» hat er nun immer Kinofilme mit homosexuellen Hauptfiguren im Zentrum realisiert. Stört es ihn nicht, wenn er damit etikettiert wird? «Ich stecke in dieser Schublade», sagt er, aber er sei überzeugt, dass es auf dem Weg zu Akzeptanz und Toleranz für Homosexuelle immer noch viel zu tun gebe – gerade was die Welt betreffe, in der «Mario» spielt. «In wenigen Monaten beginnt die Fussball WM in Russland, einem Land, das Schwule diskriminiert und ausgrenzt. Und 2022 findet sie in Katar statt, einem Land, das Homosexualität mit fünf Jahren Haft oder neunzig Peitschenhieben bestraft.»

«Mario» läuft in Solothurn am Sa, 27.1., um 20.30 Uhr; am Mo, 29.1. um 20.45 Uhr in der Reithalle.

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