Einen Schnaps gibt es sowieso

SCHWEIZER FILMPREIS ⋅ Die Chancen stehen gut, dass morgen ein Kurzfilm aus der Zentralschweiz den Quartz ­gewinnt. Für das Ehepaar Corina Schwingruber Ilic und Nikola Ilic ist die Ausgangslage ganz besonders.
22. März 2018, 07:49

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Die guten Geschichten lägen quasi auf der Strasse, sagen Corina Schwingruber Ilic und Nikola Ilic und blicken zum Fenster raus auf den Jesuitenplatz. Im Erker hat es ein Loch, das geflickt werden muss, was den Wohnraum in ihrem kleinen Zuhause mitten in Luzern noch mehr begrenzt. Das schweizerisch-serbische Filmemacher-Ehepaar lebt bescheiden. Eine Hälfte des Jahres verbringt es in Belgrad.

Oder die zwei reisen an Festivals, wo ihre für den Schweizer Filmpreis Quartz nominierten dokumentarischen Kurzfilme im Wettbewerb laufen. «Ins Holz» über Holzen und Flössen am Ägerisee, bei welchem Corina Schwingruber zusammen mit dem Schwyzer Thomas Horat Regie führte, wurde im Internet über 180 000-mal angeklickt und an vielen Filmfestivals weltweit gezeigt; ebenfalls über vierzig waren es im Fall von «Rakijada» von Nikola Ilic, eine Tragikomödie über ein serbisches Dorf und seine Bewohner, «Lebenskünstler und Poeten», wie Ilic sie nennt. Und natürlich den Obstbrand Rakija und das jährliche Wetttrinken. «Rakijada» wurde siebenmal ausgezeichnet, zwanzig Festivaleinladungen konnte der 40-Jährige folgen. «Wenn das Festival für die Reisekosten aufkommt, gehen wir überall hin», sagt Schwingruber.

Sie sind ­ Multitasker

Waren die beiden 2016 mit ihrem gemeinsamen Kurzfilm «Just Another Day In Egypt» schon mal für den Quartz nominiert, treten sie heuer mit je eigenen Filmen gegeneinander an. Eine spezielle Situation, bei der sie nur gewinnen können: Bei «Rewind Forward» von Justin Stoneham hat Corina Schwingruber den Schnitt gemacht, und Matteo Gariglio («En La Boca») ist ebenfalls ein guter Freund von ihnen. Den Sieg in der Kategorie «Bester Kurzfilm» könnte der Zentralschweiz nur «Facing Mecca» von Jan-Eric Mack streitig machen, der einzige Spielfilm unter den fünf Nominierten. Und auch der sei ein super Typ, meint Schwingruber. Ebenfalls speziell: Beide sind in der Filmakademie und konnten für sich selber abstimmen.

Eine Quote von 80 Prozent für die Zentralschweiz in einer Kategorie, das gab es noch nie; insgesamt sind es acht Nominierungen. Dass das hiesige Filmschaffen schweizweit besser wahrgenommen wird, bestätigt Corina Schwingruber. Der 2017 von der Albert-Koechlin-Stiftung initiierte Innerschweizer Filmpreis und der 2009 gegründete Verein «Film Zentralschweiz» führten zu einer zunehmenden Vernetzung unter den vielen Filmschaffenden in unserer Region. Während früher jeder eher für sich selber schaute, leiht man sich heute Equipment aus oder wird für eine Mitarbeit angefragt, wie im Fall von Schwingruber, die bei «Ins Holz» über die Montage zur Co-Regie kam.

Nikola Ilic lebt momentan von Preisgeldern und arbeitet ab und zu als Kameramann, ein Schnittauftrag reicht Corina Schwingruber für ein halbes Jahr. Kennen gelernt haben sich die beiden in Belgrad in einer Bar, als Schwingruber dort für ein Jahr die Kunstschule besuchte. Film sei damals nur ein Hobby gewesen, sagt die 36-Jährige. Sie verfügte über die Ausrüstung, die an der Schule nicht zur Verfügung stand, und machte für ihre Mitstudierenden die Kamera und den Schnitt. «Ich habe mich damals mehr für Kunst- und Theatervideos interessiert.» Anders ihr Mann. Er sei ein Skater und ein Punker gewesen. «Wann immer möglich habe ich mir vom Onkel die Kamera ausgeliehen. Schon seit ich ein Kind war, hat mich das Filmen fasziniert.» Damals in der Bar hat er ihr von seinen Filmideen erzählt. Verliebt hätten sie sich aber erst später.

Persönliches Thema für ersten langen Dokfilm

Das Ehepaar arbeitet zurzeit mit Produktionsfirmen aus Basel und Zürich zusammen, um die Filmbudgets aufzubringen. Zwei gemeinsame Projekte haben sie am Laufen, beide sind parallel dazu an einem eigenen Kurzfilm dran. An einem kurzen Film arbeiten sie zwei bis vier Jahre. Filmpolitisch engagiert sich Schwingruber auch für eine bessere Sichtbarkeit und Förderung von Kurzfilmen, die im Kino kaum mehr als Vorfilme gespielt werden. Ein Langzeitprojekt ist ihr erster Kinodokfilm, der von Ilic und seiner pflegebedürftigen Mutter erzählt, die in Serbien lebt. Wie viel von seiner Freiheit ist man bereit, gegen Verantwortung einzutauschen? Dass sie jemals einen derart persönlichen Film machen würden, hätten sie nie gedacht. Sie schliessen nicht aus, dass sie auch mal einen Spielfilm drehen werden. Vorzeitig gehen ihnen aber die Ideen für Dokumentarfilme nicht aus, wo doch die Geschichten vor der eigenen Haustür zu finden sind.

Hinweis

«Ins Holz» (gratis): vimeo.com/248072306. «Rakijada» bestellen: info@corthafilm.com. Schweizer Filmpreis: morgen, 19.30, Live-Stream auf www.srf.ch; Sondersendung: 21.35, SRF 2.


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