Bron enthüllt die Geheimnisse der Pariser Oper

FRAME-LESETIPP ⋅ Der Westschweizer Jean-Stéphane Bron hat mit «L’Opéra de Paris» einen Dokumentarfilm geschaffen, der die Klassenverhältnisse der französischen Gesellschaft spiegelt.
17. Juni 2017, 09:04

Das Dümmste, was Liebhaber von Jean-Stéphane Brons Filmen tun könnten, wäre zu sagen: «Ich interessiere mich nicht für klassische Musik, darum schaue ich ‹L’Opéra de Paris› nicht an.» Zwar geht es in dem Dokumentarfilm um den Alltag an der Oper, aber diese dient Bron lediglich als Spiegel der Demokratie.

«Mein Interesse galt nicht der Musik und dem Tanz, sondern den gesellschaftlichen Beziehungen innerhalb der Institution», erklärt Bron beim Gespräch im Zürcher Hauptbahnhof. «Ich wollte einen politischen Film über die Machtverhältnisse in der französischen Gesellschaft drehen.»

Das ist ihm gelungen. Bron fängt den Alltag aller ein: vom Direktor im ausladenden Büro mit Blick über die Dächer von Paris bis hin zur schwarzen Putzfrau, die nach einer Vorstellung staubsaugt.

Gelungene Integration

Es wäre ein Leichtes, die Oper, die 100 Millionen Euro Subventionen für die Unterhaltung der happy few bekommt, als Beispiel für eine Republik zu lesen, die sich nur um die Belange der Reichen kümmert.

Doch Bron hat eine andere Sicht auf die Institution. «Natürlich kosten Aufführungen wie ‹Moïse et Aaron› sehr viel – so what? Man kann mit Steuergeldern idiotischere Sachen unterstützen als Kunst», sagt der Romand.

«Ich habe die Oper als ideale Demokratie wahrgenommen: Die Kunst ist zwar elitär, aber sie wird von Menschen aus verschiedenen Schichten ermöglicht, die sich gemeinsam für ein Projekt engagieren. Zudem werden an der Oper zehn Sprachen gesprochen, sie ist ein Beispiel für gelungene Integration.»

So begleitet Bron etwa den Bassbariton Mikhail Timoshenko (*1993), der aus einem kleinen russischen Dorf stammt und den Sprung nach Paris schaffte. Nach dem Vorsingen konnte er auf Französisch bloss radebrechen. Nach einem Jahr an der Seine hingegen vermag sich der juvenile Sänger bereits im Idiom Voltaires auszudrücken.

Bron lässt den Zuschauer in die Opernwelt eintauchen, ohne zu erklären, wer das illustre Personal ist. Entweder man kennt Benjamin Millepied – oder man lernt den ehemaligen Direktor des Ballettensembles noch kennen. Dies entspricht der Art, wie Bron sich selber der Institution angenähert hat. «Ich war in meinem Leben noch kein einziges Mal in der Oper, bevor ich den Film in Angriff genommen habe.» Aufs Thema gestossen ist er durch Zufall.

«Nach Fertigstellung von ‹L’expérience Blocher› habe ich meinem Produzenten gesagt, dass ich Lust hätte, einen Kollektivfilm zu drehen, am liebsten über eine Institution. Er hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass an der Pariser Oper gerade ein Direktorenwechsel anstehe. Da wurde ich neugierig.»

Tatsächlich übernahm 2014 Stéphane Lissner das Zepter, der Intendant an der Mailänder Scala gewesen war. «Die härteste Herausforderung war es, diesen Herrn für mein Projekt zu gewinnen, hatte er doch schon früher sämtliche Anfragen für das Mitwirken in Filmen abgeschmettert. Er hatte mir in vier Sitzungen schon Absagen erteilt, doch dann kam es zu einer wunderbaren Fügung: Am Tag als ich ihn zum fünften Mal treffen sollte, kam mein Blocher-Film in die französischen Kinos, und ‹Le Monde› widmete ihm eine Seite, auf der es hiess, Bron vermöge die dunklen Seiten eines Menschen hervorzubringen. Als ich in Lissners Büro trat, schlug er gerade die Zeitung zu und sagte: ‹Okay, lassen Sie uns reden.›»

Lissner, der machtbewusste Direktor, erhält viel Raum, mehr als die Putzfrauen. Deshalb hat man dem Regisseur schon vorgeworfen, «machtgeil» zu sein. Bron nimmt das gelassen. «Der neue Schweizer Film hat in den sechziger und siebziger Jahren eine Soziologie der Unterdrückten entworfen, sich aber wenig um die Mächtigen gekümmert. Ich will die Mechanismen der Macht aufzeigen, weil sie uns viel über einen selber lehren.»

Bron macht politische Filme, die ambivalent sind. So hat Christoph Blocher erst nicht gewusst, ob er den Film über sich gut finden solle oder nicht. Brons Kino hat etwas mit der Herkunft des Regisseurs zu tun. «Mein Vater war ein liberaler Unternehmer rechter Gesinnung, meine Mutter eine linke Aktivistin. Ich bin das Produkt dieser Widersprüche.»

Verliebt dank Ursula Meier

Auf die Frage, wo er selber politisch stehe, sagt Bron nur, er sei «libertär». In seiner Firma Bande à part, die er mit Ursula Meier, Lionel Baier und Frédéric Mermoud betreibt, praktizieren sie Basisdemokratie. «Wir zeigen einander unsere Filme und besprechen sie, Entscheide fällen wir immer einstimmig.»

Die Regisseure wohnen in Lausanne alle im selben Haus. Privatleben und Beruf vermischen sich. So hat Bron am Filmfestival Locarno dank Meier seine Ehefrau, die Regisseurin Alice Winocour (*1976), kennengelernt, die damals mit Meier das Drehbuch für «Home» schrieb. Winocour, die ihren Film «Maryland» in Cannes vorstellte und als Drehbuchautorin von «Mustang» Mitglied der Oscar-Academy wurde, gilt als Hoffnungsträgerin des französischen Kinos.

Bron steht nicht in ihrem Schatten: «L’Opéra» lief nach hymnischen Kritiken – die Zeitschrift «Positif» widmete ihm eine Titelgeschichte – erfolgreich in französischen Kinos. Kein Wunder, der präzise beobachtete und klug aufgebaute Film ist ein Meisterwerk.

Christian Jungen
kultur@luzernerzeitung.ch

Video: L'Opéra de Paris - Trailer

Dokumentarfilm von Jean-Stéphane Bron. Kinostart: Donnerstag, 8. Juni 2017. (youtube.com, 17.06.2017)



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