Es gibt nichts, was sie dagegen tun können

KINO ⋅ Gabe Klinger erzählt in drei Filmformaten von einer Liebesnacht. Dritter Protagonist ist die portugiesische Hafenstadt Porto. Eine träumerische Reflexion über das Wesen der Liebe und verpasste Chancen.
14. September 2017, 07:50

Was, wenn man den einen gefunden hat und ihn trotzdem wieder fortlässt? Gibt es ihn überhaupt, diesen einen Menschen?

Ja, es gibt ihn. Zumindest für den amerikanisch-brasilianischen Regisseur Gabe Klinger. Das macht er in seinem ersten Spielfilm «Porto» unmissverständlich klar. Abgesehen davon, ist alles nicht so einfach.

Zeitloser, leicht ­experimenteller Anstrich

Er inszeniert seine Lovestory in Porto, dieser altehrwürdigen ­Hafenstadt am Atlantik, die, wie Venedig, ein Hauch Melancholie umweht. In körnigen, blassen Bildern fängt die Kamera den leicht morbiden Charme der ehemaligen portugiesischen Hauptstadt ein und etabliert sie als Protagonisten, wie das im Kino vielfach mit Städten und Orten geschieht: Die Möwen kreisen über dem Douro und geben die für sie typischen Schreie von sich.

Das Ganze erscheint wie in Watte gepackt, irgendwie unwirklich. Diese Liebesgeschichte also kann sich so und nicht anders nur in Porto abspielen. Abgesehen vom portugiesischen Regisseur Manoel de Oliveira (1908–2015), der sein ganzes Leben in Porto verbracht hat, hat das so noch keiner gemacht.

Der Anfang der Geschichte ist das Ende – Mati und Jake liegen einander zugewandt im Bett. Später werden sie unabhängig voneinander vor dem Café Ceuta stehen, hineinblicken und sich an die gemeinsame Nacht erinnern. Ein US-Gelegenheitsarbeiter und eine französische Archäologiestudentin, beide einsam in einer fremden Stadt, die sich in dieser einen Nacht wohl so nahe kamen wie zuvor nie jemandem. Ist es wegen der Einsamkeit?

Klinger erzählt diese eine Nacht aus der jeweils subjektiven Erinnerung der Hauptfiguren. Dabei spielt er mit der Wahrnehmung von Zeit und drei Filmformaten: 35 mm, 16 mm und Super 8. Überhaupt verleiht Klinger seinem Film einen zeitlosen und leicht experimentellen Anstrich.

Die Anziehung, dieses unergründliche Etwas, überfällt die beiden, und sie lassen es mit sich geschehen. Und ihr Leben und alles, was sie noch vorhaben – Mati viel, Jake nicht so viel – spielt für den Moment keine Rolle mehr. Wenn du etwas gewinnst, verlierst du zugleich etwas, philosophieren sie: Mati setzt die Beziehung zu einem ihrer Professoren aufs Spiel, Jake seine Freiheit.

Anton Yelchin («Star Trek») spielt sehr körperlich und eindringlich den introvertierten Einzelgänger (nur schon diese Stimme!). Der Amerikaner starb 2016 mit 27 Jahren an den Folgen eines Autounfalls, es ist ein Jammer. Die Französin Lucie Lucas überzeugt, wenn sie selbstbewusste Lebensfreude ausstrahlt, den nachdenklich-traurigen Part beherrscht sie weniger gut.

Der Spielfilm eröffnet ­ neue Möglichkeiten

Die Figuren sind nicht ganz klischeefrei, und die eine oder andere Dialogzeile ist nah am Pseudophilosophischen. Indes schöpft Klinger aus seinem profunden Filmwissen als langjähriger Filmkritiker und aus seiner Liebe zum (europäischen) Autorenfilm.

Mit «Porto» hat der 35-Jährige eine träumerische Reflexion über das Wesen der Liebe und verpasste Chancen geschaffen und damit die Möglichkeiten des Kinos ausgelotet. Es scheint ganz so, als habe er sich ins Genre Spielfilm verliebt. Mit seinem Erstling macht er einen grossen Schritt Richtung Autorenfilmer.

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Ab Donnerstag im Stattkino Luzern.


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