«Es ist so viel möglich in einem Orchester!»

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Heute Abend geht es los mit dem Lucerne Festival Orchestra (LFO). Traditionellerweise trifft sich das Orchester nach dem ersten Probentag zum Abendessen im Lukassaal. Fünf Musiker sprachen, passend zum Festivalthema, über ihre Identität.
11. August 2017, 05:00

Drei Zentralschweizer Hornisten stehen im Garten am Stehtisch. Eigentlich nichts Ungewöhnliches – doch für Ivo Gass schon. Der Solohornist des Tonhalle-Orchesters spielt seit Jahren im LFO: «Ich fand es immer etwas schade, dass so wenig Schweizer dabei sind.»

Gass hat als Stimmführer das Privileg, Spieler in seine Gruppe einzuladen. Zum Thema Identität meint er: «Ich bin in Emmenbrücke aufgewachsen. Inzwischen ist Luzern eher aus meinem Fokus verschwunden. Dass man hier mit alten Bekannten spielen kann, ist wunderbar.» Gass wohnt nach einigen Jahren in München inzwischen in Schwyz, «ein bisschen in den Bergen».

Zwischen Sils Maria und Mailand

Auch die Violinistin Isabelle Briner stammt aus Luzern. «Musiker und Komponisten stellen sich Fragen nach ihrer Identität andauernd im beruflichen Leben. Deswegen gefällt mir das Thema sehr gut.» Welche Rolle spielt die Zentralschweiz in ihrer künstlerischen Identität? «Obwohl ich eine totale Weltbürgerin bin, fühle ich mich der Schweiz sehr verbunden. Und das heisst für mich: naturverbunden. Luzern ist in meiner Herkunft vor allem wegen der Schönheit der Natur und der Berge wichtig.»

Am Eröffnungskonzert stehen drei Tondichtungen von Richard Strauss auf dem Programm. Hätte Briner lieber Strauss’ Alpensinfonie gespielt? «Das spielt keine grosse Rolle. Meine Wahlheimat ist Sils Maria, und dort entstand Nietzsches ‹Zarathustra›.» Sie meint damit «Also sprach Zarathustra», das zentrale Werk des Philosophen. Dieses wiederum inspirierte Richard Strauss zu seiner gleichnamigen Tondichtung. «Ausserdem war Strauss die Musik meiner Teenager-Jahre. Bis heute ist Strauss der Soundtrack für meine Autofahrten über Schweizer Pässe!», lacht Briner.

Der Cellist Alfredo Persichilli spielt zum zweiten Mal im LFO. Er ist einer der rund zehn Musiker, die Riccardo Chailly aus seinem eigenen Orchester, der Mailänder Scala, eingeladen hat. Er freut sich auf das Strauss-Programm: «Diesen Komponisten und diese drei Werke liebe ich ganz besonders.» Persichilli ist Italiener. Wie nimmt er die Luzerner Identität wahr? «Luzern gilt als Leuchtenstadt. Für mich ist diese Stadt sehr offen, international und musikalisch.» Nach seinem Studium in Basel lebte Persichilli in Freiburg. Jetzt spielt er seit zehn Jahren in Mailand. «Ich muss meine Identität immer wieder neu suchen. Nach achtzehn Jahren in Deutschland habe ich mich musikalisch mit Deutschland identifiziert. Ich dachte zuerst sogar, dass die Oper mir gar nicht so liegt!», sagt er schmunzelnd.

Inzwischen fängt es an zu regnen; die Orchestermusiker eilen vom Garten in den Lukassaal. Viele sind mit ihrer ganzen Familie nach Luzern gekommen, ihre Kinder spielen im Regen Fangen, die Stimmung ist ausgelassen. Konzertmeister Raphael Christ freut sich: «Wir kommen alle gerne hierher. Viele persönliche Geschichten verbinden uns mit dieser Stadt. Und die Situation im Orchester ist sehr familiär: Mein Vater, der Bratschist Wolfram Christ, sitzt mir gegenüber, meine Schwester spielt Harfe, meine Freundin spielt in den zweiten Violinen.»

Christ ist sehr jung zum LFO gestossen. Wie sehr ist seine musikalische Identität vom künstlerischen Kreis um Claudio Abbado beeinflusst? «Ich hatte das grosse Glück, Claudio sehr früh kennen zu lernen. In gewissen Jahren habe ich sechs bis acht Projekte mit ihm gespielt. Diese Art und Weise, Orchestermusik zu machen, hat mich sehr geprägt: Wie reagiert man? Wie hört man? Es ist so viel möglich in einem Orchester!»

Reinhold Friedrichs überraschende Neuigkeit

Seit den Anfängen beim LFO mit dabei ist auch Solotrompeter Reinhold Friedrich. Er sagte letzten Sommer, das Orchester übergebe Riccardo Chailly seinen Klang als Geschenk: «Dieses Jahr suchen wir wieder genau diesen Klang. Chailly ist ganz ruhig, konzentriert und gut gelaunt – anders als bei der achten Sinfonie von Mahler, wo er letztes Jahr ein bisschen mit den Menschenmengen gekämpft hat.»

Und dann verkündet Friedrich eine Überraschung: «Dieser Sommer ist mein vorerst letztes Festival: Im nächsten Jahr bin ich nicht dabei. Sieben Monate mache ich auf dem Fahrrad Pause von der Trompete und fahre zu den Ursprüngen meiner Identität: nach Klaipeda in Litauen. Von dort kommt meine Grossmutter – und ich habe als Junge Litauisch gesungen!» Der Trompeter wird nächstes Jahr sechzig und schenkt sich die Auszeit sozusagen zum Geburtstag. «Ich will herausfinden, wer ich eigentlich bin, wenn ich nicht die Trompete in der Hand habe. Ich weiss nicht, was dann mit mir passiert.»

Katharina Thalmann
kultur@luzernerzeitung.ch


Leserkommentare

Anzeige: