Fatal Attraction bis hin zum wehmütigen Schluss

LUZERNER THEATER ⋅ Eine Femme fatale als Modell für die emanzipierte Frau von heute: Nicole Chevalier steigert Jules Massenets romantische Oper «Manon» stimmlich wie darstellerisch zu höchster Bedrängnis.
14. November 2017, 07:52

«Der reiche Brétigny hat sich an einer Party mit seinem Körper an mich gedrängt!» So oder ähnlich hätte die Manon am Sonntag nach der Premiere von Jules Massenets gleichnamiger romantischer Oper auf «#MeToo» twittern können. Und wir wüssten, dass es stimmt. Denn in der Black Box, die Anna Rudolph im Luzerner Theater eingerichtet hat, sehen wir alles und auf dem glatt polierten Boden im Spiegelbild alles doppelt.

Da wartet, ganz in Gelb, Manon etwas verloren auf den Cousin, der sie ins Kloster bringen soll. Der Chor im schummrigen Halbdunkel macht Partystimmung. Und dann ist da eben noch der noble Herr, der sich mit diabolisch-anzüglichem Blick schamlos an Manon heranmacht.

Eine Frau und eine Stimme wie ein Vulkan

Magdalena Risberg, die die doppelt besetzte Rolle erstmals in der zweiten Aufführung vom 17. November singt, hat im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt, wieso die Bedrängte dennoch kein Opfer ist: weil sie als starke Frau selber entscheidet, was sie will. Schon in der Oper flackert hier in Manon die Lust nach dem Leben auf, das ihr hinter Klostermauern verwehrt sein wird. Und das gilt erst recht für die Inszenierung von Marco Storman und die Darstellung der Figur in dieser Premiere.

Da gibt Nicole Chevalier dieser Manon von Beginn weg das leidenschaftlich dürstende Temperament, das man von ihrer «Traviata» kennt. Schon die Entdeckung der grossen Liebe zum Chevalier Des Grieux hat etwas Forderndes, später wirft sie sich ihm an den Hals, als wollte sie ihn mit Haut und Haar verschlingen. Brétigny, der ihr ein Leben in Luxus ermöglicht, degradiert sie als lichtbekrönte Königin der Festgesellschaft zur Statistin. Und als sie zu Des Grieux zurückkehrt, ist da keine Reue, sondern nur diese besinnungslose, ja animalische «Fatal Attraction» zum Objekt der Begierde.

Vokal gibt Chevalier dieser Frau mit verschwenderischer Stimme alle erdenklichen Nuancen: Im geschmeidigen Piano schlummert eine zerbrechliche Seele, in den dramatischen Ausbrüchen ergiesst sich diese Stimme mit vulkanischem Temperament in den Raum und steigert sich auch mal bis zum Lustschrei. Packender, realistischer bei allem Kunstsinn kann Oper nicht sein.

Mag sein, dass die zwischen Kindfrau und Femme fatale schillernde Figur dadurch etwas einseitig auf Letzteres angelegt ist – gespannt darf man da auf die Interpretation durch Magdalena Risberg sein. Eine psychologische Entwicklung hat aber Storman gar nicht im Sinn. Die Reduktion der Oper auf Schlüsselszenen schafft eine comicartige Deutlichkeit und treibt die Handlung sprunghaft voran. Von der Langeweile, über die Tschaikowsky beim Besuch der Oper klagte, ist da bis zur Wehmut des hier offen gestalteten Schlusses keine Spur.

Kammerspiel und grosser Puccini-Sound

Damit bewährt sich das Strichkonzept als Modell für eine zeitgemässe Umsetzung breitangelegter Bühnenwerke gerade für ein kleines Haus, das Chor und Ensembles mit grossem Puccini-Sound dennoch mit einem Schuss Grande Opéra überschwemmen. Aber das Konzept rückt die überragende Hauptdarstellerin noch mehr ins Zentrum. Selbst der mit balsamischem Schmelz berührende Tenor von Diego Silva (als Des Grieux) hat in der Höhe Mühe, sich gegen diese Manon durchzusetzen. Ein unerschütterlicher Gegenpol ist Vuyani Mlinde als Des Grieux’ Vater. Drei Partydamen und Bernt Ola Volungholen als Partylümmel unterlaufen die Szenen mit viel komischer Ironie.

Die sparsam eingesetzten Symbole sind angesichts der ­Intensität dieses Kammerspiels Nebensache, wie überhaupt die Szenerie unterkühlt wirkt angesichts der Heftigkeit der Emotionen, die das Luzerner Sinfonieorchester unter Yoel Gamzou mit intimen Farben und grossem Ton wunderbar mitgestaltet.

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Vorstellungen von Jules Massenets «Manon», mit Nicole Chevalier als Manon: 12., 23., 29. November, 13., 21. Dezember, 14. Januar; mit Magdalena Risberg als Manon: 17., 26. November, 28. Dezember, 6. Januar.

www.luzernertheater.ch


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