Fotografisches Spiel mit der Musik

LUZERN ⋅ Ob Barenboim, Abbado oder Menuhin: Die Luzerner Fotografin Suzie Maeder hatte sie alle irgendwann mal vor der Kameralinse. Doch auch das Spiel mit Partituren und kaputten Instrumententeilen beherrscht sie virtuos. Ein Augenschein in der Galerie Bernheimer.
13. August 2017, 04:38

Den homo ludens hat Suzie Maeder (69) ihr ganzes Leben lang kultiviert. Eigentlich hätte man die Luzerner Fotografin einmal dabei filmen sollen, wie sie in ihrem Londoner Studio Ende der 1990er-Jahre mit Faden, Klebeband und sonstigem Behelfsinstrumentarium die aus einem Buch herauskopierten und stark vergrösserten Partituren vor schwarzem oder weissem Hintergrund in Form bringt. Wie Maeder das widerspenstige Partiturenblatt so lange biegt und dreht, bis ihr ein «Wow!» entfährt und sie spontan den Auslöser ihrer analogen Kamera betätigt.

Aus den zweidimensionalen Partituren schafft die Fotografin so fragile, tanzende Objekte. Sie sagen mehr aus über Musikalität, als das starre, zweidimensionale Gerüst der Notation es je könnte. Ähnlich wie John Cage (1912–1992), der in der Partitur nicht nur ein technisches Instrument sah, sondern auch ein Werk der bildenden Kunst, öffnet Maeder mit ihrer Partituren-Serie den nicht zweckgebundenen Blick für die Schönheit der Notenschrift.

Die 1948 in Luzern geborene Suzie Maeder hat über die letzten Jahrzehnte gleich mehrere, sehr persönliche visuelle Zugänge zur Welt der klassischen Musik gefunden. Anfang zwanzig ging sie nach London, um dort Fotografie zu studieren. Es war die Luzerner Orchestermanagerin Ursula ­Jones-Strebi, die ihr den Zutritt zu den ersten Orchestergräben verschaffte. Dort bekam Maeder in den 1970er- und 1980er-Jahren einige grossen Namen der Szene vor ihre Kameralinse: Daniel Barenboim, Anne-Sophie Mutter, Yehudi Menuhin, Claudio Abbado und viele andere mehr.

Schnappschüsse im Orchestergraben

Während der Orchesterproben bewegte sich Maeder jeweils mit ihrer im Ballettunterricht geschulten Beweglichkeit flink und autonom zwischen den Orchesterstühlen hin und her. Ihre intimen Porträts aus dem Mikrokosmos Orchestergraben wurden weltweit von Plattenlabels verwendet. Sie haben wenig gemein mit den kühlen, zuweilen in Professionalität erstarrten Plattencovers unserer Tage. Von der Klassikwelt hat sich Maeder inzwischen etwas zurückgezogen. Die durchgetakteten Terminkalender der Künstler und der professionell gehaltene Sicherheitsabstand sabotieren genau dieses Spiel und den Spielraum, den Maeder bei ihrer Arbeit so liebt.

Vorhandenes neu in Szene gesetzt

Doch anstatt die Materie Musik zu verlassen, blickt die Fotografin gerne und oft auf schon vorhandene Arbeiten zurück, um sie zu transformieren. Für die Luzerner Galerie Bernheimer hat Maeder ihre Partitur-Fotografien als Silbergelatineabzüge neu in Szene gesetzt. In der parallel zum Lucerne Festival laufenden Ausstellung «Seing Music» kann man auch ihre Instrumenten-Serie «Resonance» neu entdecken. 1994 war sie Teil einer Ausstellung des Museums im Bellpark in Kriens.

In der Fotoserie spielt Suzie Maeder mit Instrumenten und Partituren im Sinne einer Auslegeordnung. Aus Londons Musikgeschäften borgte sie sich verbogene Trompetenhälse oder ausgemusterte Klaviermechanik und bewegte die Instrumententeile stundenlang über spiegelnde schwarze oder weisse Untergründe. Die Objekte, ihr Schattenwurf und ihr Spiegelbild fotografierte Maeder aus ungewöhnlichen Perspektiven.

Maeders Arbeit zeigt eindrücklich, dass man für die Neuentdeckung der Welt nicht weit gereist sein muss. Wer seinen Blick auf dem Immergleichen verweilen lässt, blickt zuweilen in einen hypnotisierenden, unendlich scheinenden Imaginationsraum. Plötzlich erinnern die Schallbecher der Trompeten an futuristische Architektur oder an filigrane Champagnergläser und schweben die Ventilbögen eines Horns wie kalligrafische Schwünge in der Landschaft.

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Seing Music» von Suzie Maeder. Galerie Bernheimer, Haldenstrasse 11, Luzern. Mi bis Fr, 12 bis 18 Uhr, Sa, 12 bis 16 Uhr. Bis 23. 9. www.bernheimer.ch


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