Frauen und Engel begegnen einander

SARNEN ⋅ Der Engelberger Pater Eugen Bollin lädt zu seiner – wie er betont – letzten Einzelausstellung ein. Neue Kohlezeichnungen auf Holztafeln mit biblischen Frauen und Engeln erinnern unweigerlich an Ikonen.
13. Juni 2017, 04:39

Romano Cuonz

kultur@luzernerzeitung.ch

«Die Bühne für meine Kunst war immer schon unser Kloster», hält der Engelberger Benediktiner-Pater Eugen Bollin (78) fest. Diese vertraute, alltägliche Umgebung sei jener Fundus, aus dem er seit Jahren die Protagonisten für seine Malereien und Zeichnungen nehme. Menschen um ihn herum, denen er dann als Künstler biblische Rollen zuweist.

«Unten in der Klosterschule begegne ich jungen Leuten, oben in den Zellen sind es die älteren Mitbrüder», sagt er. Während vieler solcher Begegnungen baue sich dann jenes Spannungsfeld auf, das er für sein künstlerisches Schaffen nutze. Voraussetzungen, unter denen Bollin sich nun nochmals auf neue Wege begab: für eine Ausstellung in der Galerie Hofmatt.

Bilder und Gemäuer treten in eine seltsame Beziehung

Bollin tritt, wie es das Konzept der Galerie vorsieht, auch diesmal in den Dialog mit ihren Räumen. Ganz anders aber, erstaunlich gar. Keine einzige seiner mit Grafit auf rohe Holzplatten gemalten Zeichnungen ist an einer Wand befestigt, geschweige denn gerahmt oder hinter Glas. Bollin hält seine Zeichnungen mit biblischen Motiven noch mehr im Stil einer «arte povera» als je zuvor. Er installiert die Bilder auf einfache Staffeleien, stets in Distanz zu den Wänden.

Für einige seiner Engel-Zeichnungen legt er gar eine zehn Meter lange Rolle Papier auf dem unebenen Natursteinboden des Gewölbekellers aus. Da darf sie mit den Engeln verwittern. Bilder und Gemäuer treten so in eine seltsame Beziehung. Dosieren die Farbigkeit im Raum. Eine so schlichte Präsentation von Zeichnungen auf rohem, fast lebendig mitspielendem Holz weckt bei den Besuchern unwillkürlich die Erinnerung an Ikonen. Dies umso mehr, als sie in den jahrhundertealten Räumen der Galerie Hofmatt stehen.

«Ikonen enthalten die dichtesten biblischen Aussagen, reduziert im Holz und surreal übersetzt», sagt Bollin. Für ihn gebe es kaum einen besseren, sinnlicheren Weg, Gedanken bildlich festzuhalten. In der Tat: Mit solch ikonenhaften Bildern nähert sich der Mönch dem Alltag, wie es schon Malermönche der romanischen Zeit getan hatten. Zwar setzt er biblische Motive in Szene, schaut diese aber stets wirklichen, vom heutigen pulsierenden Leben geprägten Figuren ab.

«Engel faszinierten mich immer»

«In meinen neuen Zeichnungen geht es um biblische Frauen, die Begegnungen mit Engeln hatten», erklärt Eugen Bollin. Da seien etwa Sara im Alten und Maria im Neuen Testament. Oft seien Engel zu Frauen gekommen, um ihnen eine Geburt anzukünden. «Engel sind – auch wenn ich mir bewusst bin, dass sie nicht Christus sind – ganz wichtige Bestandteile meines Schaffens und meines Glaubens», gesteht Bollin. Sie hätten auch viel mit der in heutiger Zeit so wichtigen Gastfreundschaft zu Fremden zu tun. Abraham, Sara oder auch Maria seien vorerst erschrocken, als sie die Nähe dieser Gestalten, die nicht in ihre Welt gehörten, spürten. Bollins Engel aber sind nicht abgehoben. Oft stehen sie am Rand eines zeichnerisch erfassten Geschehens.

Vielleicht sind sie in Bollins Kunst eine für uns Menschen verständliche Visualisierung des Unerhörten, des Göttlichen! Mit Engeln und biblischen Frauen beschreitet Bollin einen Weg durch die Galerieräume: vom Hof zu Tisch. Und dieser Tisch: Bisher hatte Bollin ihn immer als Esstisch angezeigt. Nun aber ist es der Tisch im Atelier. Mit Werkzeugen, Pinseln und vielen Farbtuben. «Breite ich die Farbtube mit dem Deckel so vor mir aus, ergibt sich beinahe eine Mönchskutte», schmunzelt Bollin. Und meint dann: «Auf so eine Tube wird von verschiedenen Seiten gedrückt, das ist ein Lebenszeichen. So wissen wir, dass wir für etwas da sind. Vom Hof zu Tisch!»

Doch wie hat es Eugen Bollin wirklich mit der Kunst? «In Einzelausstellungen hat man mein Programm nun gesehen, es ist somit meine letzte», sagte er an der Vernissage. Für sich aber – und auch für Gruppenausstellungen – werde er weiterhin täglich zwei bis drei Stunden zeichnen.

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