Fumetto 2018: Ganz schön düster

COMICS ⋅ Die 27. Ausgabe des internationalen Comic-Festivals Fumetto ist stark konzeptuell ausgerichtet und schlägt auch dunklere Kapitel auf. Hybride Formen aus digitalem und analogem Comic sind im Kommen.
15. April 2018, 07:55

Julia Stephan

Wenn auf der Strasse Gestalten in Notizbüchlein kritzelnd selbstvergessen in Passanten stolpern, wenn Touristen den Vierwaldstättersee durch die rechteckigen Einwürfe öffentlicher Abfalleimer fotografieren, weil diese sie an Comicpanels erinnern, dann stehen die Zeichen auf Fumetto.

Gestern hat das internationale Comic-Festival in Luzern zum 27. Mal seine weit über die Stadt verteilten Pforten geöffnet. Eines vorweg: Buntes und Wildes ist dieses Jahr zwar vorhanden, aber nur in kleinen Dosen. Vor allem in der mit dem Schweizer Comicmagazin «Strapazin» erarbeiteten Ausstellung «Magma» an der Rössligasse 12, für die zehn Künstler aus Brasilien und der Schweiz übers Internet ihre Bildarchive eingeschmolzen haben – für eine fröhliche Apokalypse. In «Magma» entladen sich Liebe und Leidenschaft eruptiv, etwa auf den genähten Panels der Luzerner Künstlerin Corinne Odermatt, oder werden die Comic-Helden der Kindheit in einem Kuriosenkabinett präsentiert und hinterfragt.

Wo sich Welt- und Familiengeschichte treffen

Eine Wiederbegegnung mit alten Erinnerungen erlebt in Luzern auch US-Zeichner Richard McGuire. Seine Ausstellung in der Heiliggeistkapelle – ein klarer Höhepunkt! – ist seinem 2014 publizierten Comic «Here» gewidmet. McGuire fokussiert darin die Wohnzimmerecke seines Elternhauses im Bundesstaat New Jersey und überlagert auf 300 Seiten verschiedene Epochen und Jahrzehnte. Die Story, die Weltgeschichte und Familiengeschichte zusammenbringt, begleitet McGuire in Luzern mit Polaroid-Fotos aus seinem Familienarchiv, die ihm als Vorlage gedient haben und die ihn bei den Vorbereitungen selbst wieder eingeholt hätten, wie er an der Vernissage erzählte. Eine digitale Version seines Comics ermöglicht den Besuchern zudem, neue Versionen seiner Panels zu kreieren.

McGuires Ausstellung ist ein Beispiel dafür, wie subtil die digitale Welt inzwischen ins Festival integriert ist. Da kann der kanadische Zeichner Guy Delisle noch so gerne behaupten, dass er nach einem halben Tag vor dem Computer «verrückt» werde. Hybride Formen aus analogen und digitalen Techniken liegen im Trend.

Delisle gehört zu denjenigen, welche die faszinierende Ausstellung «Shelter» in der Zivilschutzanlage Sonnenberg bespielen dürfen, für die meisten wohl das atmosphärischste und intensivste Erlebnis dieses Fumetto-Jahres. Für seinen Comic «Die Geisel», die in einer der Bunker­räume hängt, hat Delisle die Erinnerungen eines Mitarbeiters von «Ärzte ohne Grenzen» dokumentiert, der 111 Tage in Geiselhaft lebte. Delisle zeichnet die Dehnung der Zeit in der Monotonie sichtbar nach.

Historische Schlachtkarten umfunktioniert

Konzeptionelle Strenge findet man beim Möbelhersteller Neustahl. Dort sind Fabio Viscogliosi und der französische Zeichner ­Jochen Gerner zu Hause. Gerner arbeitet mit Übermalungen und Rasterungen. Er schwärzt historische Schlachtkarten, um neue Lesarten zu bieten, oder zeigt, wie die Welt aus einem TGV aussieht. Historische Rückblicke gibt’s im Kunstmuseum Luzern. Comic-Pionier Gustave Doré (1832–1883) hat mit seinen fantasie­vollen und schelmischen Illus­trationen die Sprache von Filmklassikern wie «King Kong» entscheidend beeinflusst.

Für die Wettbewerbsausstellung zum Thema «Genug» in der Kunsthalle hatten 990 Zeichner Arbeiten eingereicht. Überzeugt hat die Jury in der Kategorie der bis zu 12-Jährigen Fabian Wenger aus Bern, in der Kategorie der 13- bis 17-Jährigen Hannah Schweizer aus Bern. Bei den Erwachsenen gewinnt die Polin Natalia Sajewicz.

Hinweis

27. internationales Comic-Festival Fumetto. Bis 22. 4. Festivalprogramm: www.fumetto.ch

  • Ein Künstler hängt seine Werke in der Kornschütte auf. (© Philipp Schmidli)
  • Der Schweizer Künstler Balz Bosshard am Eröffnungstag. (© ALEXANDRA WEY)
  • Hier sehen Sie das Werk von Balz Bosshard noch einmal genauer. (© ALEXANDRA WEY)

Eindrücke des Fumetto Comic Festivals Luzern vom Samstag, 14. April 2018.

Video: Comics aus Kriegsgebieten

Am Comicfestival Fumetto in Luzern zeigt die Gruppenausstellung "Shelter" Comics aus Kriegsgebieten. 23 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt dokumentieren mit ihren Zeichnungen den Krieg, die Flüchtlingskrise und Menschenrechtsverletzungen. (Silva Schnurrenberger/sda, 15.4.2018)




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