Geballte Ladung, die ein Risiko bedeutet

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Im Eröffnungskonzert setzte Riccardo Chailly ganz auf die Karte Richard Strauss und hob sich nicht nur damit von seinem Vorgänger ab. Dazu passte auch die energiegeladene Herangehensweise.
13. August 2017, 05:01

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

Das letztjährige Eröffnungskonzert des Sommer-Festivals war eigentlich noch eine Fortsetzung des Abbado-Kapitels: Riccardo Chailly, der neue Chefdirigent, setzte mit der achten Sinfonie Gustav Mahlers quasi den Schlussstein im Mahler-Zyklus, den der geschwächte Vorgänger nicht mehr vollenden konnte.

Deutlicher hat sich nun das Lucerne Festival Orchestra im diesjährigen Eröffnungskonzert, das dem Andenken an Arturo Toscanini – Gründer des ersten Festspielorchesters – gewidmet war, als Ensemble vom früheren Klangkörper abgesetzt. Dabei präsentierte sich das Orchester wie 2016 mit den bekannten kleinen Veränderungen gegenüber der Abbado-Formation.

Dies betrifft vor allem die zehn Mitglieder des Scala-Orchesters. Auch einige der überragenden Solisten sind noch dabei, der Flötist Jacques Zoon, der Oboist Macias Navarro und der Trompeter Reinhold Friedrich, bekannte Gesichter wie die aus Luzern stammende Isabelle Briner (stellvertretend für das Mahler Chamber Orchestra, das den Grundstock bildet), der Luzerner Hornist Ivo Gass, die Luzernerin Brigitte Lang bei den ersten Geigen, Mitglieder des Hagen-Quartetts, sodann die beiden neuen Konzertmeister Raphael Christ und Gregory Ahss, die sich im Eröffnungskonzert ablösten.

Dramatisch zügig und straff

Gleich geblieben ist vor allem die riesige Orchesterbesetzung, die für alle drei Werke verlangt wird. Und wie Chailly diesen Riesenapparat beherrschte, erinnerte durchaus an die letztjährige «Sinfonie der Tausend». So erschien der einleitende Hymnus an die aufgehende Sonne zu Beginn des «Also sprach Zarathustra» (frei nach Friedrich Nietzsche) wie eine weitere Gipfelbesteigung à la Gustav Mahler. Nur mit dem Unterschied, dass das spirituelle Moment bei dieser Tondichtung von Richard Strauss fehlt.

Dabei hat das Werk durchaus seine besinnlichen Seiten, in denen die exzellenten Holzbläser glänzten. Auch die Nähe zu Nietzsche muss ernst genommen werden. Denn Strauss hat nicht nur einige Kapitelüberschriften in die Partitur übernommen, sondern sich auch mit dem Philosophen beschäftigt (der ausgezeichnete Aufsatz im Programmheft führt dafür überzeugende Belege an).

Klar hat er nicht die Philosophie vertont. Aber mit seinem ungebärdigen Ausschweifen in die höchsten Sphären des Universums und mit der sanften Rückkehr in die Stille der Nacht hat er einen Nerv Nietzsches getroffen, dessen radikale Lebensbejahung und Traumtänzer-Vision («Tanzlied» und «Nachtwanderlied»).

Tutti-Entladungen führen Konzertsaal an Grenzen

Auf den dramatischen Zug vor allem legte Chailly «Also sprach Zarathustra» an, arbeitete mit straffen Zügeln den Rhythmus heraus. Er kontrollierte das Orchester zwar, liess es aber doch atmen in den breit angelegten Orchesteraufschwüngen (nach der Generalpause im zentralen Abschnitt «Der Genesende») und verdichtete es zu glühender Intensität. Relativ früh senkte Chailly die Arme, derweil das Publikum (das Konzert war wie auch die gestrige Wiederholung nicht ganz ausverkauft) noch ein bisschen zögerte mit dem Applaus.

Ein Konzert auf einen einzigen Komponisten auszurichten, ist gerade bei einem Tonsetzer wie Richard Strauss nicht unproblematisch. Denn bei allen Unterschieden zwischen den drei Werken bleibt immer der stramm und bodenständig sich gegen die feindliche Welt wehrende Strauss, der keineswegs zurückschreckt vor Tutti-Entladungen, die auch in einem Konzertsaal wie jenem im KKL an ihre Grenzen geraten.

Das zeigte nach der Pause die frühe Tondichtung «Tod und Verklärung», die so beginnt wie «Zarathustra» endet, im Pianissimo, das bestenfalls ein Piano war und nicht ganz die Pianissimo-Magie früherer Abende erreichte.

Dass Strauss bereits in seinen Tondichtungen vor allem Musikdramatiker ist, wird hier im Sich-Aufbäumen gegen den Tod besonders deutlich, gerade in der Art, wie der Komponist das Werk auf das sich dynamisch steigernde, aber auch immer lärmigere Verklärungsthema ausrichtet.

Die Kapriolen eines unsterblichen Spassmachers

Bei «Till Eulenspiegels lustige Streiche» gibt es keine programmatischen Anmerkungen wie beim «Zarathustra». Trotzdem folgte man genau und ab dem ersten, rasenden Einsatz des Horns (eine Glanzleistung von Solo­hornist Ivo Gass) mit gespannter Aufmerksamkeit den Kapriolen des ewigen Spassmachers.

Hier warf Chailly alle Trümpfe seiner Operndramaturgie in die Waagschale und zeichnete mit dem blendend aufgelegten Orchester die Ereignisse scharf und plastisch nach. Und bekräftigte sein Operntemperament gleich nochmals mit dem «Schleiertanz der Salome» aus der gleichnamigen Oper von Richard Strauss als Zugabe.

Anzeige: