Gefangen in einer perfiden Rache

KINO ⋅ Der griechische Regisseur Giorgos Lanthimos entwickelt in seinem neusten Film eine Familientragödie antiken Ausmasses, durchtränkt mit Psychohorror.
12. Januar 2018, 07:46

Opferung – ein Mensch muss sich einer höheren Gewalt beugen, sühnen, etwas hergeben, was ihm zutiefst ans Herz gewachsen ist. Das kennt man aus dem Alten Testament: Gott befiehlt Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern. Oder aus der antiken Mythologie, aus der Tragödie von Euripides: König Agamemnon, Anführer der Griechen auf dem Seeweg nach Troja, wird ausgebremst. Seine Flotte gerät in eine Flaute. Verursacherin dieser Si­tua­tion ist Artemis, Göttin der Jagd. In deren heiligem Hain hatte Agamemnon einen Hirsch erlegt und sich damit auch noch gebrüstet. Das erzürnte die Göttin, die vom König Genugtuung und Sühne fordert: Er soll ihr seine Tochter Iphigenie opfern, erst dann könne er mit seiner Armada weiterziehen.

Das Familiendrama «The Killing of a Sacred Deer» («Die Tötung eines heiligen Hirsches») von Giorgos Lanthimos (Buch und Regie) nimmt bereits im Titel Bezug auf diese antike Geschichte. Auch der erfolgreiche Herzchirurg Steven Murphy (Colin Farrell) hat Schuld auf sich geladen – und verdrängt sie. Er führt ein argloses Luxusleben mit Frau Anna (Nicole Kidman), den Kindern Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy). Und dann ist da noch der 16-jährige Teenager Martin (Barry Keoghan). Verdächtig oft sucht dieser den Nobelarzt im Spital auf, sucht seine Nähe und nistet sich im Familienleben der Murphys ein.

Raffiniert konstruierter Psychothriller

Allmählich wird selbst Murphy – und uns Zuschauern – diese scheinbar harmlose Annäherung, ja schleichende Aufdringlichkeit suspekt. Martin löst unbehagliche Gefühle aus. Was verbirgt sich hinter dem sanften Burschen? Der Arzt ahnt Böses und sieht sich mit schlimmen «Eingriffen» – biblisch gesprochen: Heimsuchungen – konfrontiert, die über seine Kinder und Familie kommen.

Mehr sollte man eigentlich nicht über den Verlauf dieser Beziehung und den fatalen Einfluss verraten, den der unscheinbare, gleichwohl Angst einflössende Eindringling ausübt. Steven Murphy, dem einst ein «Kunstfehler» unterlief, weil er alkoholisiert war, und der deswegen das Leben eines Patienten auf dem Gewissen hat, sieht sich einer perfiden, schier surrealen Rache ausgesetzt. Er muss wie einst Agamemnon eine grausame Entscheidung treffen: Wird er ein eigenes Kind opfern, um die Familie zu retten?

Das klingt nach einer Tragödie griechischen Ausmasses. Nur dass sie sich heute ereignet und mit Psychohorrorelementen durchtränkt ist. Der Film – oder sollte man sagen Martin? – labt sich geradezu an der Verzweiflung eines Schuldigen und dem Martyrium unschuldiger Kinder. Gnadenlos – im Gegensatz zur ­biblischen Geschichte von Abraham. Das Drama gipfelt in einem kaum zu ertragenden Showdown – mit einem Opfer.

Giorgos Lanthimos kombiniert gekonnt Ängste und Ohnmacht, Zeichen einer medizinisch undefinierbaren Macht mit menschlicher Verzweiflung und Hilflosigkeit. Die Sühne wird zum Schicksal. Der Horror kitzelt oder erschreckt nicht nur für den Moment, er geht unter die Haut, nistet sich ein. Selten hat ein Film so raffiniert mit Selbstüberschätzung, Hochmut und Rache, unausweichlicher Bedrohung und Schuld gespielt wie dieses Sozialdrama: ein Psychothriller mit mythischen Zwischentönen – Alfred Hitchcock hätte seine helle Freude daran gehabt.

Rolf Breiner

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