Geld mit Erinnerungswert

SOMMERSERIE ⋅ Als Achtjähriger malte der Luzerner Künstler Nils Nova (49) Schweizer Banknoten. Noch heute liebt Nova das Spiel mit der Illusion, der Repräsentation und der Verdoppelung. Wir warfen mit ihm einen Blick zurück auf ein ungewöhnliches Frühwerk.
15. Juli 2017, 09:34

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Er wollte weder sein Taschengeld aufbessern, noch träumte er den goldglänzenden Disney-Traum eines Dagobert Duck. Trotzdem hat der kleine Nils Nova in den 1970er-Jahren beständig und unter der neugierigen Anteilnahme seiner drei Schwestern Banknoten gemalt. Immer wieder. Ganze Serien hat er gefertigt.

Der Sohn einer Schweizerin und eines salvadorianischen Linguistikprofessors verbrachte damals eine glückliche Kindheit in El Salvador. Die Schweiz kannte er aus den repräsentativen Erzählbildern seiner Mutter, einer Luzernerin, die manchmal das Fernweh packte und beim Fluchen ins Schweizerdeutsch kippte. Wo andere Künstler ihren Exotismus mit orientalischen Motiven stillten, war für den kleinen Nils die Schweiz eine riesige Projektionsfläche, die es mit Hilfe der Fantasie zu befüllen galt. Seine Schweizer Banknoten sind eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der fünften Banknotenserie der Schweizer Nationalbank aus dem Jahr 1956.

Statt den nicht minder fantasiebegabten Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller auf die 10er-Note zu prägen, hat Nova darauf die Kapellbrücke verewigt. Anstelle eines Wasser­zeichens prangt der Wasserturm. Und dennoch verbürgen die mehrsprachigen Beschriftungen, das detailreiche Blumenmotiv auf der Rückseite und die Guillochen – so heissen die Muster aus feinen, sich überlappenden Linien –, dass der Achtjährige die Schweizer Banknote genaustens studiert haben muss.

Wunsch nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit

«Für mich steckt hinter dieser Banknotengeschichte das Streben nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit», sagt Nova heute. Sein Umfeld habe zunächst perplex reagiert auf seine Banknotenserie, für die er mit einem gemalten Stempelaufdruck mit dem spanischen Wort «Revisado» – auf Deutsch: überprüft – so etwas wie Authentizität herstellen wollte.

Repräsentation ist nicht nur ein Thema moderner Geldmittel, sondern auch ein zentrales Anliegen der Kunst. Wer Nils Novas Arbeit kennt, weiss, wie sehr er bis heute fasziniert ist von der Verdoppelung, der Frage nach echt und unecht und dem Zauber der Illusion. Es existieren Selbstporträts von Nova, die nichts anderes sind als Imitationen von Selbstporträts bekannter Künstlerpersönlichkeiten. Ihr Reiz liegt im Spannungsfeld zwischen Identifikation und Abweichung.

Dass heute ausgerechnet im Luzerner Stadthaus an prominenter Stelle ein grossflächiges Bild hängt, auf dem Nova eine Dollarnote mit einer chine­sischen Yuan-Banknote verschmolzen hat, mutet vor diesem Hintergrundwissen unheimlich an. Denn Novas Kinderbanknoten wirken dazu wie Vorstudien, die bereits auf Novas künftige Themen hindeuten.

Solche frühen künstlerischen Erweckungsmomente gibt es bei Nova viele. Bevor seine Familie nach dem Militärputsch der Junta Revolucionaria de Gobierno Anfang der 1980er-Jahre notgedrungen in die Schweiz emigrierte, beobachtete der kleine Nils, wie das Sonnenlicht auf einem weissen A4-Blatt reflektiert wurde. «Mir war sofort klar, dass ich da nichts hinzuzufügen brauchte. Es war gewissermassen meine erste konzeptuelle Arbeit.»

Heute ist Nova bekannt für seine monochromen Malereien, durch deren Farbflächen das weisse Sonnenlicht hindurchzubrechen scheint. «Im Grunde sind all diese Bilder nur Übersetzungen dieser einen Kindheitserfahrung», so Nova.

Banknoten gehören der Schwester

Sein Vater, der neben seinem Beruf als Universitätsprofessor selbst malte, hat seinen Sohn früh zum Zeichnen ermutigt. «Einmal habe ich ihn nach einem Zoobesuch um das Bild eines Löwen gebeten. Mein Vater sagte zu mir: Mal ihn doch selbst! Also habe ich einen Löwen in einer einzigen ­Linie gezeichnet.» Sein Vater, mit der Kunst der Moderne vertraut, hatte Picassos in wenigen Strichen gezeichnete Friedenstaube vor Augen und war begeistert.

Novas Banknoten lagern heute übrigens bei seiner Schwester. Er hat sie von ihr lediglich als Leihgabe zurückerhalten. Zurückgeben möchte sie sie nicht. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie gewisse Gegenstände über die Jahrzehnte an unschätzbarem Wert gewinnen, wenn man die mit ihnen verbundenen Erinnerungen lange genug reifen lässt.


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