Genius, Gefühle, Geisterwalzer ...

ZUG ⋅ Zurück im Theater Casino, hatte das Stadtorchester Zug zu seinem Herbstkonzert den jungen Violinisten Edouard Mätzener eingeladen. Sein Spiel bewies, wie emotional virtuose Klassik sein kann.
05. Dezember 2017, 07:20

Dorotea Bitterli

redaktion@zugerzeitung.ch

Beethovens Violinkonzert in D-Dur op. 61 gilt als Prototyp seiner Gattung und gehört zu den «vier grossen deutschen Violinkonzerten», welche bis heute unter Geigern als Prüfstein für technisches Können und künstlerische Aussagekraft gelten. Das 45-minutige Meisterwerk, das auch als «Bibel der Violinliteratur» bezeichnet wurde, entstand unter gewaltigem Zeitdruck, so dass der Solist und Widmungsträger Franz Clement es an der Wiener Uraufführung vom 23. Dezember 1806 ab Blatt spielen musste. Offenbar machte er das aber so gut, dass ein Kritiker von «der Violin, die sein Sclave ist» schwärmte.

Dieses Bild taucht unwillkürlich wieder auf, als Edouard Mätzener am Sonntagmorgen im gut gefüllten Saal des Theater Casinos zuerst drei Minuten lang still und konzentriert den Anfangspassagen des Stadtorchesters unter dem Dirigat von Jonathan Brett Harrison lauscht. Jung, fast jungenhaft, erst 28 Jahre alt, mit gesenkten Augen steht er und empfängt die Musik, hebt dann die Violine ans Kinn und den Bogen in die Luft – und augenblicklich ist es da, das virtuose Spiel über ruhiger Streicherbegleitung. Er spielt mühelos und leicht, es ist keine Anstrengung zu sehen, die Violine ist mehr als ein «Sklave», eine unsentimentale Liebe. Immer wieder hat er Pausen, wiegt den Körper im ersten langen Allegro-Satz, in welchem Streicher, Bläser und ein wiederkehrendes Paukenmotiv ein liedhaftes, majestätisch-lyrisches Hauptthema variieren. Dann wieder setzen die Orchestermusiker ihre Instrumente ab, um sich zu entspannen und Mätzeners solo vorgetragenen Kadenzen, rasanten Läufen, Tremolos oder zweistimmigen fugenartig verwobenen Melodien zuzuhören.

Wie feine Klang-Fäden in der Luft

Im zweiten Satz, einem Larghetto, verbreiten der langsame Takt und der Einsatz der Hörner eine waldartige Morgenstimmung, in welcher die Violine gleichsam das verschlafene Zwitschern eines Vogels imitiert, der seine Stimme in kunstvollen Trillern ausprobiert, bevor die Musik fliessender wird. Es gibt Stellen, an denen Mätzener mit seinem Instrument ganz dünne, feine, und doch sichere, nie abbrechende Klang-Fäden in die Luft hängt. Zart zupfende Streicher-Begleitung untermalt sie, hält sie fest, so dass zwischendurch der Eindruck einer «tongewordenen Stille» entsteht.

Und plötzlich erscheint auf dem Gesicht des jungen Geigers ein verschmitztes Lächeln. Er blickt zum Dirigenten hin und – die Musik wird auf einen Schlag heiter, fröhlich, tanzt direkt und nahtlos in den dritten Satz hinüber, einem Rondo im bewegten Sechsachtel-Takt. Jetzt kommt sein Temperament zum Ausdruck, er spielt spitzbübisch unbekümmert bis ausgelassen, ohne je die offensichtliche musikalische Beherrschung zu verleugnen, welche sein eigen ist.

Viermal wird er herausgeklatscht. Seine Zugabe ist das melancholische Grave aus Johann Sebastian Bachs A-Moll-Sonate BWV 1003. So viel Gefühl, so viel emotionale Reife, so viel absichtslose Präsenz – im Zuhörer entsteht mehr als Berührtsein, es entsteht der Eindruck von «Es ist».

Edouard Mätzener, Träger verschiedener Preise und Auszeichnungen und international tätig, ist übrigens auch Geiger und Komponist im Klezmer-Ensemble Cheibe Balagan, welches er mitbegründet hat. Die Spannung zwischen Tanz und Tod, Schluchzen und Trillern ist ja auch dort eine der Grundgegebenheiten.

Stimmungsgeladenes «Intermezzo»

Dieser Assoziation folgend hatte das Stadtorchester nach der Pause einen Leckerbissen programmatischer Musik parat: Jean Sibelius schrieb seinen Konzertwalzer «Valse triste» op. 44 im Jahre 1904 ursprünglich als Teil einer Bühnenmusik zum Drama «Kuolema» (Der Tod) seines Schwagers Arvid Järnefelt. Die Musik illustriert genau, was in der Theaterszene passiert: Eine Frau liegt im Sterben, hört Walzerklänge aus der Ferne, erhebt sich und tanzt, bald begleitet von weiteren geisterhaften Tanzpaaren, bis plötzlich mit heftigem Klopfen der Tod auf der Schwelle steht und das Leben erlischt.

Diesem stimmungsmalenden kurzen Musikstück folgte als Abschluss Mozarts Haffner-Sinfonie Nr. 35 in D-Dur. Das Stadtorchester, welches sein Herbstkonzert bereits am Vortag in der Pfarrkirche Unterägeri zum Besten gegeben hatte, spielte das 1782 entstandene Werk in altbewährter Eingespieltheit.

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