«Une vie ailleurs» – Geraubtes Kind

FRAME-LESETIPP ⋅ Das subtile Entführungsdrama «Une vie ailleurs» handelt von der Frage, was Menschen zu Eltern macht.
18. Mai 2017, 14:07

«Une vie ailleurs» ist ein subtiles Drama, das dem Zuschauer das Gefühl vermittelt, zusammen mit den Figuren eine Reise zu unternehmen.

Regisseur Olivier Peyon (*1969) schubst einen – wie einst Eric Rohmer – zu Beginn mitten ins Leben. Wir treffen auf einen Mann und eine Frau, die auf einem Schiff sind. Nervös zählen sie Geld, führen konspirative Gespräche. Ob sie Drogen schmuggeln? In Montevideo eingetroffen, geht die Frau in ein Hotel, doch der Gewährsmann, mit dem sie verabredet ist, wurde gefeuert und ist weg.

Erst mit der Zeit wird aus den Gesprächen klar, warum die Französin in Südamerika weilt: Sylvie (Isabelle Carré) sucht ihren Sohn, den ihr Ex-Mann nach der Scheidung entführt und nach Uruguay verschleppt hat. Nun will sie ihn mithilfe von Mehdi (Ramzy Bedia), einem befreundeten Sozialarbeiter, in ihre Heimat zurückholen.

Die Geschichte, die Peyon behutsam auffächert, wurde von einem wahren Fall inspiriert: Einer von Peyons Freunden war einst von seinem Vater entführt worden. Im Film muss die leibliche Mutter erkennen, dass ihr Sohn in der Obhut seiner Tante durchaus glücklich ist und eine Entführung nicht nur ihn, sondern auch seine Ersatzfamilie unglücklich machen würde.

Was macht Menschen zu Eltern – das gemeinsame Blut oder vielleicht eher die Zeit, die man mit einem Kind verbringt? Diese Frage, die schon Hirokazu Koreeda in «Like Father, Like Son» aufwarf, stellt auch Peyon. Sein Film ist klug aufgebaut und anrührend. Nie werden einem die Themen von den Figuren vorgekaut, Peyon vermag in Bildern zu erzählen.

Wenn Sylvie zum Beispiel am Hafen von Montevideo vor einem riesigen Schiff steht und den Horizont nicht mehr sieht, kommt ihre Verlorenheit zum Ausdruck. Und wenn sie sich in der Kirche über die Erstkommunion ihres Sohnes freut, wird klar, dass sie zur Familie gehört.

Alle Schauspieler wirken ungemein natürlich und vermögen Verständnis für die Lage ihrer Figuren zu wecken. Herausragend ist die Kamera, welche alltägliche Bilder von sublimer Schönheit einfängt.

Christian Jungen
kultur@luzernerzeitung.ch

Video: Une vie ailleurs - Trailer

Drama von Olivier Peyon. Kinostart: 18. Mai 2017. (Tel-A-Vision, 18.05.2017)



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