Reproduktionsmedizin: Geschäft mit der Hoffnung

FILM ⋅ Wenn es auf natürlichem Weg mit dem Kindermachen nicht klappt, wird es kompliziert. Und technisch. Ein neuer Film gibt Einblick in die Reproduktionsmedizin.
06. Dezember 2017, 04:39

Diana Hagmann-Bula

«Für die Paare ist das kein Zellhaufen mehr. Für die sind das schon Kinder», sagt die Embryologin. Gleich wird sie Spermien in Eizellen spritzen und vielleicht ein Wunschkind zeugen. Im Labor statt im Schlafzimmer, mit Technik statt mit Sex. Wenn es natürlich nicht klappt, sind für ein neues Lebewesen plötzlich mehr als zwei Personen nötig.

Das zeigt der Film «Kinder machen» der Bernerin Barbara Burger eindrücklich. Und er zeigt auch, dass die Reproduktionsmedizin zwar ein unromantisches Geschäft ist, Emotionen aber dennoch Platz haben. Manche Paare richten «ihren Babys» Grüsse aus. Andere bitten die Embryologin, dem Kind vorzusingen.

Einen krassen Gegensatz zu diesen Schilderungen bildet die sterile Umgebung: das In-vi­tro-Fertilisationslabor München, ein düsteres Labor. Regisseurin Burger bricht die konzentrierte Stille, die dort herrscht, mit Spieluhrmusik, wie sie sonst aus Kinderzimmern dringt.

Mitmachen bei Science-Fiction?

Wenn es auch mit dem künstlichen Kindermachen nicht gleich klappt, schrumpft das Selbstvertrauen, und Paare hinterfragen ihre Beziehung. «Irgendetwas in unserer Gesellschaft vermittelt den Menschen, dass man minderwertig ist, wenn man keine Kinder hat. Vor allem, wenn man ungewollt keine Kinder hat», sagt die Berner Reproduktionsmedizinerin Elisabeth Berger.

Sie freut sich von Herzen, wenn eine Patientin schwanger ist, obwohl die Ärztin selber nicht mehr daran geglaubt hat. Und sie ist gespalten, wenn eine Vertreterin das Eizellen-Einfrieren anpreist, als gäbe es nichts Unumstritteneres. Die Firma, die die Vertreterin geschickt hat, arbeitet mit Banken zusammen, die für die Behandlung Mikrokredite sprechen. Berger zieht dann eine Augenbraue nach oben.

Wird eine Methode, die für viele noch nach Science-Fiction tönt, mit so grossen Worten angepriesen, macht das sogar die Expertin misstrauisch. Falls sie da mitmacht, tut sie das nicht, ohne vorher gegenüber Interessierten zu erwähnen, dass der Kinderwunsch mehr ist als «ein kleines, süsses Baby». Sie will die Kunden auf dem Boden behalten.

Weniger auf dem Boden geblieben ist Jörg Puchta, Reproduktionsmediziner an einem Münchner Kinderwunschzen­trum. «Wir sind toporganisiert wie in einer Fabrik. Alles ist hochtechnisiert», sagt er, der Social Freezing gar nicht abgeneigt ist. Im Gegenteil: Er hat es als Erster in Deutschland angeboten. «Das Flash Freezing hat neue Möglichkeiten eröffnet: Die Eizellen sind nach dem Einfrieren genauso gut wie vorher – eine Riesenrevolution», sagt er. Und wirbt an der Jahrestagung des Deutschen Ethikrates für die Methode. Dabei verwendet er die Sprache der Marketingleute, spricht von einer «Win-win-Situation», wenn er einer über 40-Jährigen «die jungen, frischen Eizellen von damals zurückgeben» kann, und sie «dieselben guten Schwangerschaftsraten, dieselben niedrigen Fehlbildungsraten wie in ihrer Jugend hat».

Kongresshäuser platzen aus allen Nähten

Noch mehr Marketing wird am Treffen der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie in Lissabon betrieben. Dort präsentiert sich auf dem Messeareal auch die Fortpflanzungsindustrie. Bald würden Kongresshäuser für die Branche zu klein sein, konstatiert die Berner Ärztin Elisabeth Berger. Es geht fast so marktschreierisch zu wie an der Luga, nur werden hier keine banalen Sparschäler verkauft. Unter den Ausstellern ist Physiker Klaus Rink. Er hat Maschinen entwickelt, mit denen sich künstlich erzeugten Embryo­nen Zellen entnehmen lassen – zum Zweck der Präimplantationsdiagnostik. Bildet er Fachleute in der Handhabung seiner Geräte aus, tönt es so: «Ziehen, feuern, feuern, feuern. Wir haben ihn verloren. Egal, dafür üben wir ja.»

Ein Lächeln für den neuen Menschen

Wenn Jörg Puchta im OP der zukünftigen Mutter ihre Embryo­nen «zurückgibt», klingt aus dem Lautsprecher «Mensch» von Herbert Grönemeyer. Puchta legt in diesen Momenten Wert auf gute Musik. Und auf ein Lächeln der Patientin. Schliesslich soll der neue Mensch freundlich willkommen geheissen werden. Geht alles gut, schlägt 14 Tage später das Herz des entstehenden Lebewesens.

Der Zuschauer fiebert mit, obwohl er das Paar, das sich das Kind so sehr wünscht, nicht kennt. Denn die Betroffenen sind so gut wie nie zu sehen im Film. Schliesslich soll er nicht rühren, sondern einen Einblick in einen Bereich ermöglichen, der sonst hinter Ärztetüren versteckt bleibt. «Kinder machen» informiert, urteilt nicht. Und lässt Fragen offen: Wie weit darf die individuelle Fortpflanzungsfreiheit reichen? Der Zuschauer soll selber darüber nachdenken.

 

Hinweis

Der Film «Kinder machen» läuft morgen um 19 Uhr im Stattkino Luzern. Anschliessend Gespräch in Anwesenheit von Regisseurin Barbara Burger und von Corinna Quantius, Embryologin Lindenhofspital Bern; Moderation ­ Dr. Jürgen M. Weiss, Luzerner Kantonsspital.

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