Geträumte Hirsche, gelebte Liebe

IDEENKINO ⋅ Der Berlinale-Gewinnerfilm «On Body and Soul» der Ungarin Ildiko Enyedi spürt der Verbindung von Träumen und Kino nach und erzählt eine der faszinierendsten Liebesgeschichten seit langem.
07. Dezember 2017, 07:46

«Haben Sie sich gepaart?» Die Frage der Psychologin an Endre ist direkt, unverschämt. Und sie ist eine Reaktion darauf, dass sie nicht so ganz ernst nimmt, was ihr der Finanzchef des Budapester Schlachthofs gerade erzählte. Er habe letzte Nacht geträumt, er sei ein Hirsch, antwortet der eher wortkarge Endre auf die entsprechende Frage. Neben ihm sei eine Hirschkuh gestanden, und sie hätten zusammen Gras unter dem Schnee hervorgekratzt.

Die Psychologin ist wegen eines Kriminalfalls im Büro des Schlachthofs; jemand hat eine grössere Menge einer Substanz entwendet, die bei Bullen beruhigende, bei Menschen aber aphro­disierende Wirkung hat. Die Polizei untersucht den Fall und hat die Psychologin beigezogen. Und was diese bei Endre schon vermutet hat, scheint ihr zur Ge­wissheit zu werden, als ihr dann Maria, die junge Qualitätskontrol­leurin, in der Befragung präzise einen Traum schildert, in dem sie eine hungrige Hirschkuh im Winterwald gewesen sei. «Sagen Sie, warum machen Sie das mit mir?», fragt sie entgeistert die schüchterne Frau, die nicht der Typ Mensch zu sein scheint, der gern Scherze macht. «Ein ko­mischer Zufall, nicht wahr», meint kurz darauf Endre zu Maria, nachdem die Psychologin entnervt weggegangen ist – nicht ohne ihnen noch die Gesprächsmitschnitte vorgespielt zu haben.

Bis hierher ist das erste Viertel von «On Body and Soul» bereits im Nu vergangen, und als Zuschauer ist man vertraut geworden mit Arbeitsabläufen, Hierarchien und Gewohnheiten der Angestellten in dieser Fabrik des industriellen und klinisch sauberen Tötens. Und man weiss jetzt, was es auf sich hat mit diesen seltsam entrückt wirkenden Aufnahmen eines Hirsches und einer Hirschkuh im Wald. Sie eröffnen den Film, gehen in einem harten Schnitt über in Bilder vom Schlachten. Sie tauchen noch mehrmals auf, um abrupt wieder zu verschwinden – und im weiteren Verlauf kontrastieren sie, wie ein anderer Film, das Geschehen in faszinierender Weise.

Visuelles Gespür für kleinste Details

Und bis dahin hat die 1955 geborene Regisseurin und Drehbuchautorin Ildiko Enyedi mit sicherer Hand und unglaublichem visuellen Gespür für kleinste Details auch die beiden seltsamen und einsam lebenden Hauptfiguren eingeführt. Während der etwa 50-jährige Endre einen gelähmten Arm hat und schon ewig im Schlachthof arbeitet, ist Maria «die Neue». Sie ist nicht nur hyper­intelligent, pedantisch genau und verfügt über ein fotografisches Gedächtnis, sondern sie ist auch eine Zwangsneurotikerin mit ­autistischen Zügen.

Wie wäre es, wenn man jemandem begegnet, der nachts dasselbe träumt wie man selber? Von dieser so berückenden wie schlichten Grundidee ist Enyedi ausgegangen. In einem Interview betont sie, bei all ihren Filmen sei stets die Geschichte als Aller­letztes gekommen, vielmehr sei es ihr immer darum gegangen, erst einmal freizulegen, was sich unter einer Oberfläche verberge. Der Satz lässt aufhorchen. Vor allem, wenn man daran denkt, wie oft in letzter Zeit Verwalter und Promotoren des Schweizer Films klagten, dem hiesigen Spielfilm mangle es an guten Geschichten und man müsse daher mehr Mittel in die Entwicklung von Drehbüchern investieren. Vielleicht mangelt es aber vielmehr an Ideen. Ildiko Enyedi hat es jedenfalls ganz beiläufig geschafft, einem den Glauben an die Kraft bewegter und geträumter Bilder zurückzugeben, falls man ihn denn verloren haben sollte.

 

Geri Krebs

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