Luzerner Sinfonieorchester hat alle Beethoven-Klavierkonzerte auf CDs gepackt

AUFNAHMEN ⋅ Oliver Schnyder und das Luzerner Sinfonieorchester schreiben Geschichte. Sie haben als Erste in der Schweiz alle Klavierkonzerte von Beethoven eingespielt.
05. Dezember 2017, 09:47

Fritz Schaub

Dieses «Beethoven-Projekt» hat, was die Ausdauer und Anstrengung angeht, etwas von einer Bergbesteigung. Der international tätige Schweizer Pianist Oliver Schnyder und das Luzerner Sinfonieorchester hatten für ihre Aufnahme aller Klavierkonzerte von Beethoven einen Aufwand auf sich genommen, wie er im normalen Probenalltag undenkbar ist. Langsam tastete man sich an eine gemeinsamen Sprache für Beethoven heran, bevor die Konzerte im KKL Luzern mit Orchester aufgeführt und live aufgenommen wurden. «Ein Beethoven, der aufschrecken lässt», hiess es damals mit Bezug auf den rasanten Forte-Einsatz des Klaviers im Kopfsatz des dritten Konzerts in c-Moll. Selbst Oliver Schnyder war ein bisschen erschrocken über diese Dominanz.

Akzente aus einer Piano-Kultur heraus

Würde man hier einen Beethoven erleben, der stark, vielleicht einseitig auf Dramatik, Rauheit und scharfe Rhythmik ausgerichtet ist, wie es heute im Zuge der historischen Aufführungspraxis gerne geschieht?

Die nun vorliegende Aufnahme ergibt einen anderen Höreindruck. Da klingt der besagte Forte-Einsatz zwar selbstbewusst, aber findet ein ebenbürtiges Gegengewicht im Orchester, das im idealen Gleichgewicht mit dem Soloinstrument ist. Wie schon das erste Klavierkonzert zeigt, beruht die Qualität dieser Beethoven-Einspielungen auf einer erstaunlichen Piano-Kultur. Auffallend sind die Wärme des Streicherklangs und die weiche Tongebung der Holzbläser. In den Tutti-Ausbrüchen schafft das Orchester unter der agilen Leitung von James Gaffigan das notwendige Gegengewicht zum Zauber der gesanglichen Linien- führungen. Überhaupt hat man den Eindruck, Orchester und Dirigent würden die typisch Beethoven’schen Akzente aus besagter Piano-Kultur heraus setzen, weshalb diese nie forciert wirken. Man erhält aber auch den Eindruck, das Orchester schmiege sich klanglich dem Charakter des Bechstein-Flügels an. Ein Instrument, auf dem früher legendäre Beethoven-Interpreten wie Wilhelm Backhaus und Arthur Schnabel spielten und das auch Andras Schiff verwendet hat.

Es sind die langsamen Sätze, die einem bleiben

Schnyder selbst hat zu Hause in Baden einen Bechsteinflügel aus dem Jahre 1890 stehen, während er hier einen 1921er-Bechstein spielt. «Die Bässe sind kraftvoll, aber trocken, der Diskant silbern. Die Mittellage hat eine tragende Sonorität, sie singt», sagt er und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Es sind in hohem Mass die langsamen Sätze, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wobei Schnyder das vierte Klavierkonzert mit seinem lyrischen Charakter besonders liegt. Aber man höre vor allem im langsamen Satz des dritten Klavierkonzerts c-Moll, wie Schnyder sich hier Zeit lässt, wie er einen doppelt punktierten Akkord so lange hinauszögert, bis man es fast nicht mehr aushält. Jeden Ton spielt er mit Bedacht und schöpft so das Largo in seiner Gefühlstiefe aus. Die dritte CD vereint das zweite und das fünfte Klavierkonzert, also das der Entstehung nach erste und letzte, und zeigt die Spannweite an, die Beethoven in 20 Jahren durchlaufen hat. Beiden Polen wird Schnyder auf staunenswerte Weise gerecht: Dem ersten in den Ecksätzen mit schlankem, silbrigem Anschlag und tänzerischer Leichtigkeit, dem fünften mit grosser, weit ausufernder Gestik und einer bei aller Klangfülle ausgefeilten Palette, die gekrönt wird durch einen schimmernden Glanz im Rondo. Das Klangbild der Aufnahmen ist hell und durchsichtig und spiegelt in gewisser Weise die Akustik im KKL Luzern wider. Der Klavierklang ist sehr präsent eingefangen, ohne über Gebühr im Vordergrund zu stehen: eine Beethoven-Interpretation, die nicht prononciert historisch informiert sein will, aber dem Original auf zeitgemässe Weise nahe kommt.

Das Beethoven-Projekt: Klavierkonzerte 1–5, Ouvertüren, Oliver Schnyder, Luzerner Sinfonieorchester, Leitung: James Gaffigan, Sony Classical, 3 CDs

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