Das Vermächtnis der Jane Austen: Scharfe Zunge, spitze Feder

LITERATUR ⋅ Vor 200 Jahren starb die englische Schriftstellerin Jane Austen. Ihre Romane über kluge junge Damen im besten Alter für die Ehe wurden schnell Klassiker und sind bis heute Pop – Kino sei Dank.
16. Juli 2017, 05:00

Bettina Kugler

An dieser Frau scheiden sich die Geister. Für Virginia Woolf ist Jane Austen «von unschlagbarer Grösse» und «die vollkommenste Künstlerin unter allen Frauen». Walter Scott lobt 1826 ihren «exquisite touch», das feine Fingerspitzengefühl ihrer Figurenzeichnung. J. B. Priestley wagt zu behaupten, sie habe mehr Leser glücklich gemacht als jede andere Autorin. Mark Twain dagegen, bekannt für seine Spöttereien – und damit Jane Austen verblüffend seelenverwandt –, stöhnt hörbar auf beim Gedanken an den Romankosmos der schreibenden Pfarrerstochter. «Jedes Mal, wenn ich ‹Stolz und Vorurteil› lese», lässt er in einem Brief wissen, «möchte ich die Frau am liebsten ausgraben und sie mit ihrem eigenen Schienbein versohlen.» Immerhin muss es des Öfteren der Fall gewesen sein.

Auf Austens Grabplatte freilich wird ihre Schriftstellerei mit keiner Silbe erwähnt. Wie viele Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts veröffentlichte sie ihre sechs grossen Romane anonym. Statt ihres Namens stand schlicht und verschleiernd «By a lady» auf dem Titelblatt. Literarische Ambitionen zu hegen schickte sich im England der Regency-Ära nicht für eine Frau des niederen Landadels. Zwar gehörte Lesen zum beliebten Zeitvertreib der gehobenen Gesellschaftsschicht; schliesslich war man mehrheitlich zur Musse verdammt und lebte von den Erträgen aus Landbesitz und Vermögen. Selbst aber Romane zu verfassen und namentlich zu zeichnen, konnte den Ruf einer jungen Dame nachhaltig schädigen. Es galt als skandalös. «Noch eher, meine Liebe, würde ich als Seiltänzerin auftreten», schrieb Austens Zeitgenossin Mary Brunton.

Die Familie sortierte ihr Vermächtnis aus

Das Talent zum Erzählen lag in der Familie und wurde im Pfarrhaus der Austens gefördert, was nicht bedeutete, dass man in Jane eine künftige Schriftstellerin sah. Geboren wurde sie 1775 im südenglischen Steventon in der Grafschaft Hampshire als siebtes Kind, es folgte noch ein Bruder. Mit ihrer nur ein Jahr ­älteren Schwester Cassandra verband sie eine lebenslange innige Beziehung, von der noch etwa hundert Briefe erhalten sind. Den grössten Teil davon vernichtete Cassandra nach dem Tod Jane Austens.

Überhaupt nahm die Familie stark Einfluss auf das Vermächtnis der ledig gebliebenen Autorin. Zwar vertrat sie ihr älterer Bruder Henry zu Lebzeiten in Verlagsangelegenheiten. Nachfahren aber sortierten sehr genau, was aus dem Familienarchiv an die Öffentlichkeit gelangen durfte. Gerade aus der Zeit zwischen 1796 und 1799, als die drei ersten grossen Romane entstanden, fehlen Briefe. Tagebücher hat Jane Austen bedauerlicherweise keine hinterlassen. Über kaum ein Schriftstellerleben wird seither derart fleissig spekuliert – auch noch im Jahr 2017, 200 Jahre nach ihrem frühen Tod.

Heiratsmarktforschung mit Stil

Dass ihre Bücher ungebrochen populär sind, unter Akademikern ebenso viele närrische «Janeites» zu finden sind wie bei Gelegenheitslesern, hat viele Gründe. Zuallererst verdankt sich ihr Erfolg den offensichtlichen Stärken der Erzählerin Jane Austen: ihrer Gabe zur genauen Beobachtung, ihrer scharfen Zunge und spitzen Feder. Mögen die Hauben und Frisuren, die sie beschreibt, längst aus der Mode gekommen sein – die Frauentypen, die sich damit für Tanzgesellschaften hübsch machen, und die Männer, auf die sie auf Bällen oder an­deren Geselligkeiten treffen, ­interessieren uns immer noch brennend.

Da wären etwa die kluge, dickköpfige Elizabeth Bennet und der hochnäsige Mr. Darcy aus «Stolz und Vorurteil». Die ­so gegensätzlichen Dashwood-Schwestern aus «Verstand und Gefühl», Emma Woodhouse, schön, gescheit und reich. Ihre Umgebung stellt einen Mikrokosmos der Gesellschaft zu Austens Zeit dar. Dazu gehören auch geschwätzige alte Jungfern, schmierige Geistliche, Adlige voll Dünkel und Missgunst. «Drei oder vier Familien in einem Dorf auf dem Land, darauf muss man sich konzentrieren», so hat Jane Austen einmal ihre Zauberformel verraten. Im Kern geht es in ihren Geschichten immer um «marri-age, morality, manners, money» – um Heirat, Sitten, Umgangsformen und um Geld. Es passt also, dass Austens Kopf neuerdings die britische 10-Pfund-Note ziert. Zumal die Film- und Romantikindustrie mit ihrem Werk ebenso gutes Geld verdient wie Buchverlage weltweit.

«Ledige Frauen haben einen fatalen Hang dazu, arm zu sein», schreibt Jane Austen in einem Brief an ihre Nichte Fanny. Mögen die zahlreichen üppig ausgestatteten Verfilmungen auch leicht darüber hinwegtäuschen: Wer genau hinschaut und bei den stets pointierten Dialogen (oft sind es direkte Übernahmen aus Austens Romanen) gut aufpasst, begegnet allenthalben jungen Frauen, deren Zukunft finanziell prekär erschien – wenn sie nicht schnellstens einem Gentleman wie Mr. Bingley begegneten. Von dem heisst es im berühmten ersten Satz von «Stolz und Vorurteil»: «Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.» Es tönt leichthin, ein wenig spöttisch. Zwischen den Zeilen klingt aber zugleich Austens Lebensthema durch: die Beschreibung einer starren Ständegesellschaft, in der Frauen wenig Spielraum bei der Partnerwahl hatten. Vor allem, wenn sie nicht auf Vermögen oder die Gunst der Verwandtschaft zählen konnten. Gleichwohl gönnt sie allen ihren Romanheldinnen ein Happy End, was sicher ein Grund für den nachhaltigen Austen-Kult ist. Sogar Nostalgiebälle in Empirekleidern gibt es, nicht nur in England, zu denen sich Studentinnen und Hausfrauen über sechzig Stirnlöckchen drehen. Wenn das Mark Twain wüsste!


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