Herzlich sein – und trotzdem Chefin

GLEICHBERECHTIGUNG ⋅ Die Arbeitsmarktstrukturen entsprechen dem Wesen der Frau zu wenig, sagt Verhaltensökonomin Iris Bohnet. Und betont, dass Vorstellungsgespräche hinter dem Vorhang stattfinden sollten.
11. September 2017, 04:39

Diana Hagmann-Bula

Iris Bohnet, Sie beraten Wirtschaftsminister, sind Professorin an der Harvard University und Verwaltungsrätin der Credit Suisse. Wie haben Sie es an die Spitze geschafft, obwohl Sie eine Frau sind?

Ich bin zum Glück nicht die einzige, der das gelungen ist. Unterdessen hilft Frauen, dass sie kein moralisches Argument mehr sind, sondern ein ökonomisches. Die Wirtschaft kann es sich nicht mehr leisten, nur die Hälfte des Talents, das männliche, auszuschöpfen – wegen des Fachkräftemangels und weil wir die heutige Produktivität in Ländern wie Italien oder Japan, in denen die Geburtenraten sehr tief sind, nicht aufrechterhalten können ohne zusätzliche Arbeitskräfte. Dennoch sind Frauen gerade in Führungspositionen noch immer stark untervertreten.

Worin sehen Sie den Hauptgrund dafür?

Sie scheitern am Dilemma zwischen Sympathie und Kompetenz. Frauen in Führungspositionen entsprechen nicht den Stereotypen. Studien zeigen, dass Frauen nach wie vor in zwei Schubladen gesteckt werden. Entweder gelten sie als kompetent, aber unherzlich. Oder man nimmt sie zwar als warm und fürsorglich wahr, respektiert sie aber nicht als Chefin. Der Mann hingegen kann als Chef typisch männlich und dominant auftreten. Er passt damit in die Geschäftswelt und zu den Klischees in unseren Köpfen.

Viele Frauen wollen also lieber gemocht werden, als erfolgreich im Beruf zu sein?

Ja, die Frage ist nur, ob das ihr biologischer Wunsch ist. Viel eher hat man ihnen wohl eingetrichtert: Nach oben zu streben, hartnäckig und direkt zu sein, das ziemt sich nicht für eine Frau. Und wenn sie von diesen Rollenvorstellungen abweicht, wird sie dafür bestraft.

Sie fordern eine gleichberechtigtere Arbeitswelt. Wie sieht sie aus?

Die Londoner Grossbank HSBC zum Beispiel führt blinde Personalevaluationen durch. Name, Adresse, Alter und Foto werden aus dem Lebenslauf gestrichen, ehe sie den Verantwortlichen vorgelegt werden. In amerikanischen Sinfonieorchestern ist die Anzahl Frauen durch ein anonymes Verfahren von 5 auf beinahe 40 Prozent gestiegen. Die Musikerinnen und Musiker spielten hinter dem Vorhang vor. Man achtete so nur auf ihr Können, Geschlecht und Aussehen blieben unwichtig.

In der Wirtschaftswelt lässt sich diese Anonymität aber nicht bis am Schluss wahren.

Nein, sie bewirkt immerhin aber, dass nach den ersten Runden eine deutlich vielseitigere Auswahl an Kandidatinnen und Kandidaten zurückbleibt. Gerade in Pflege- und Ingenieurberufen, die oft noch Frau oder Mann zugeschrieben sind, wäre ein solches Bewerbungsverfahren sinnvoll. Es würde zu durchmischten Teams führen. Sie schneiden in Tests besser ab als einheitliche. Helfen könnten zudem strukturierte Bewerbungsgespräche.

Gleicher Ablauf und gleiche Fragen für alle?

Ja, am Ende werden die Antworten dann querverglichen. Oft entscheidet der erste Eindruck, wer die Stelle bekommt. Doch er ist nicht der beste Ratgeber.

Warum nicht?

Viele gewichten Sympathie so stark wie eine wichtige Qualifikation. Leider enden solche Gespräche oft so: Der Chef redet mit seinem potenziellen neuen Mitarbeiter über Fussball. Eine Frau, die sich bei den Sportresultaten nicht auskennt, steht schnell im Abseits. Wir brauchen ein analytischeres Personalwesen. Wer ein Shampoo verkauft, betreibt zuvor auch Marktforschung. Bei unserer wichtigsten Ressource aber, dem Humankapital, verlassen wir uns auf weiche Faktoren. Das ist unverantwortlich.

Auch bei der Beförderung geht es oft nicht frauengerecht zu...

Frauen im Vergleich zu Männern und Schweizer im Vergleich zu vielen anderen Nationen geben sich schlechtere Noten, als sie verdient haben. Schaut die Chefin die Selbsteinschätzung der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters an, bevor sie sich selber festgelegt hat, lässt sie sich beeinflussen. Genauso der Chef. Frauen schneiden deshalb oft schlechter ab.

Befürworten Sie die Frauenquote?

Viele Frauen wollen nicht der Quote wegen ausgewählt werden, sondern wegen ihrer Leistung. Die Frauenquote hat aber einen Vorteil: Sie verändert die Bilder in den Köpfen. Die indische Politik hat vor ein paar Jahren eine solche Regelung eingeführt. Nun wünschen sich Eltern in dem asiatischen Land bereits vermehrt, dass ihre Töchter als Politikerin Karriere machen.

In den vergangenen zehn Jahren ist Karrieremachen für Frauen kaum attraktiver geworden, meinen Sie. Was werden Sie 2027 sagen?

In den letzten Jahren habe ich wenig Hoffnung gehabt, weil Firmen das Geld falsch ausgegeben haben. Zwar gab es da ein Frauenförderungsprogramm und dort ein Frauenförderungsprogramm, die Firmen gingen aber nicht systematisch vor. Das hat sich verbessert. Ich sehe gewaltige Veränderungen im Personalwesen.

Ein Anfang wäre schon, wenn aus dem Mutterschaftsurlaub Elternzeit würde.

Ja, so wäre die Kindererziehung keine Frauenaufgabe mehr, sondern eine Familienaufgabe. Das gäbe Frauen mehr Flexibilität, um an ihrer Karriere zu schleifen. Elternzeit alleine hilft jedoch nicht. Es hat sich gezeigt, dass dennoch die Frau einen Grossteil der Zeit bezieht. Man müsste es wie Schweden machen. Das Land gibt jenen Paaren mehr Urlaub, bei denen der Mann tatsächlich eine Kinderauszeit nimmt.

Wie vereinbaren Sie Beruf und Familie?

Mein Mann und ich teilen uns die Familienarbeit 50:50. Das ist sicher das Wichtigste. Aber die Normen in den USA sind auch anders als in der Schweiz. In unserem Freundeskreis arbeiten die allermeisten Paare Vollzeit. Da gibt es auch keine Geburtstagsparties am Mittwochnachmittag. Die finden alle am Samstag statt. Aber auch Arbeitgeber müssen familienfreundliche Bedingungen gewährleisten.

Wie sehen die im Idealfall aus?

Wie beim australischen Telekommunikationsunternehmen Telstra. Es hat Flexibilität und Home­office zur Norm gemacht. Man muss sich erklären, wenn man im Büro erscheint.

Hinweis

Iris Bohnet: What works. Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann. C. H. Beck 2017, 381 S., Fr. 39.90


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