Hohler taucht ins Mittelalter ab

ROMAN ⋅ Franz Hohler spinnt eine Geschichte um den Abrogans, das älteste erhaltene Buch in deutscher Sprache. Dabei lässt er uns auch tief in die mittelalterliche Welt eintauchen.
15. September 2017, 08:04

In einer öffentlichen Telefonkabine klingelt es. Der Protagonist, zufällig in der Nähe, hebt ab. Und wird alsbald in eine mysteriöse Geschichte verwickelt. Ein Storystart, wie man ihn aus vielen zweitklassigen Thrillern kennt. Insofern kann man froh sein, dass es wohl bald keine Telefonkabinen mehr gibt, welche diese abgedroschene Idee noch halbwegs glaubwürdig machen. Auch dass in der Folge ein geheimnisvolles Buch den Helden in eine eigene Welt führt, ist wenig originell.

Doch nun genug gemäkelt am neuen Roman von Franz Hohler, bei dem man Kritik ohnehin ungern anbringt. Zu sehr ist man befangen durch seinen Nimbus als Sympathieträger und moralische Autorität unseres Landes. Es ist eine Befangenheit, die Hohler selber keinesfalls gutheissen würde.

Ein Wörterbuch Lateinisch–Althochdeutsch

Zum Glück kann man auch viel Gutes über den Roman sagen. Obwohl die Thrillerelemente nun nicht grosse Rasanz haben, entwickelt die Story dank einer geschickten Dramaturgie ihren Sog. Vor allem aber bietet sie einen Mehrwert, indem sie uns das älteste vorhandene Buch deutscher Sprache näherbringt. Es handelt sich um eine Abschrift des Abrogans’, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch. Es sollte im Mittelalter den einfachen Leuten, die kein Latein konnten, den Zugang zu Gottes Wort erleichtern. Das Buch existiert wirklich und wird heute in der Stiftsbibliothek St. Gallen aufbewahrt.

In Hohlers Geschichte wird Protagonist Ernst Stricker, von Beruf Bibliothekar, durch besagten Anruf zu einer älteren Dame nach Bern gelockt, die ihm das alte Buch übergibt. Aus fadenscheinigen Gründen (Verspürt er eine Art metaphysischen Auftrag?) verpasst Stricker jede Gelegenheit, das extrem wertvolle Stück den Behörden oder in seiner Bibliothek zu melden. Nicht einmal seiner Frau sagt er etwas.

Jungmönch als berührender Handlungsträger

Stattdessen macht er sich auf die Spur des Gatten der alten Dame, der vor Jahrzehnten bei einer Gebirgstour im Aletschgebiet verschwunden ist. Als Stricker diese Tour im Alleingang nachvollzieht, findet er in einer Hütte ein Tagebuch, das einen Teil der Geschichte des Abrogans im Zweiten Weltkrieg schildert. Und gerät selber in höchste Gefahr.

Das alles schreibt Hohler in seiner gekonnten Art, fast wie beim mündlichen Auftritt eines Geschichtenerzählers. Das Highlight des Romans aber ist der immer wieder eingewebte zweite Handlungsstrang um den jungen Mönch Haimo, der als fiktive Figur um 780 n. Chr. den Abrogans von Hand kopiert und mit diesem in der Folge eine Odyssee bis nach Rom erlebt. Dies auch aus Liebe zu einer jungen Frau.

Jene Teile des Romans sind nicht nur besonders berührend, sondern bieten auch eine spannende, anschauliche Sicht auf das Mittelalter. Zudem zeigt die Schilderung der akribischen Kopierarbeit in den Schreibwerkstätten der Klöster sehr schön, was damals, weit vor der Erfindung des Buchdruckes, ein einzelnes Buchexemplar für eine Bedeutung und einen Wert hatte.

Arno Renggli

Hinweis

Lesen Sie am Sonntag das grosse Interview mit Franz Hohler.


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